Weltweit tragen etwa 150 Millionen Menschen Kontaktlinsen. Und ihre Zahl steigt weiter. Auch deshalb, weil immer mehr Zeit an Bildschirmen verbracht wird. Zudem verbessern Kontaktlinsen die Lebensqualität. Somit ist die Grundlagenarbeit von Otto Wichterle, über die die „Prager Zeitung“ am 22. Dezember 2005 berichtete, noch heute von entscheidender Bedeutung. Der tschechische Wissenschaftler erfand einst die weichen Kontaktlinsen.
Es gibt Wissenschaftler, denen die Königlich-Schwedische Akademie nie einen Nobelpreis zusprach – den sie aber nach Meinung vielen Menschen mehr verdient hätten als viele andere Forscher. Denn gerade ihre Entwicklungen erleichtern den Alltag.
Zu diesen Wissenschaftlern zählt ohne Frage Otto Wichterle. Seine Leistung: Vor 50 Jahren entwickelte er Kontaktlinsen, die nicht nur die Sehstärke verbesserten. Vielmehr waren sie endlich auch längere Zeit tragbar.
Schon seit da Vinci
Dabei waren Haftschalen damals keine Neuheit mehr. Selbst der große Leonardo da Vinci hatte sich schon 500 Jahre zuvor um Sehhilfen bemüht, die direkt auf das Auge aufgesetzt werden konnten. Dafür startete er Versuche, um mehr über die optische Funktion des Auges zu erfahren. Seine Ergebnisse fanden jedoch kaum Beachtung.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts gelang es drei deutschen Ärzten, unabhängig voneinander, brauchbare Kontaktlinsen zu konstruieren. Allerdings wurden sie aus Glas gefertigt, weshalb Augen sie nicht allzu lange ertragen konnten.
Auch moderne Kunststoffe, mit denen in den 1950er Jahren harte Kontaktlinsen hergestellt wurden, waren für Fehlsichtige nicht der Weisheit letzter Schluss. Den fand schließlich Otto Wichterle, als er aus einem wasserhaltigen Material die ersten weichen Kontaktlinsen schuf.
Experimente in der Küche
Seit 1952 hatte sich der Tscheche schon der Entwicklung eines hydrophilen Gels gewidmet, das zu Implantation ins Auge verwendet werden sollte. Weil sein Institut noch im Rohbau war, führte er die entscheidenden chemischen Experimente in der Küche seines Hauses durch. Dabei fand er ein Hydrogel für Kontaktlinsen.
Dieses Gel nahm 40 Prozent Wasser auf, war transparent und wies günstige mechanische Eigenschaften auf. Das Zauberwort dafür hieß Hydroxyethylmethacrylat. Kurz: HEMA.
Wichterle nutzte einen Chemiebaukasten für Kinder, den Motor eines Plattenspielers und einen Fahrraddynamo, um seine Erfindung serienreif zu machen. Mit deren Hilfe stellte er die ersten weichen Kontaktlinsen in einen Schleudergussverfahren her und entwickelte daraus ein Massenprodukt.
Worauf die Welt wartete
1961 beantragte er das Patent auf Material und Technik. Ein Jahr später fertigte er wiederum in seiner Wohnung eine halbautomatische Produktionsanlage. Das internationale Echo auf seine Erfindung folgte bald und war enorm. Denn schon lange hatte die Welt auf neue und besser verträgliche Kontaktlinsen gewartet.
Mit der Entwicklung weicher und gut verträglicher Linsen erfüllte Otto Wichterle einen Traum vieler Fehlsichtiger. Er fand ein Hilfsmittel, das Sehstörungen direkt auf dem Auge korrigierte.
Wissen verschleudert
Doch wohlhabend wurde Otto Wichterle dadurch nicht. Vielmehr verschleuderte die Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften seine bahnbrechende Entdeckung für einige hunderttausend Dollar an das amerikanische Patentamt – ohne Wichterles Wissen und ohne sein Einverständnis.
Amerikanische Firmen nahmen alsbald die Massenproduktion auf, für sie wurden Otto Wichterles Vorarbeiten zu einem Milliardengeschäft. Der Forscher selbst erhielt von ihnen keinen Heller und auch von der Behörde seines Heimatlandes keinerlei Anteil am Verkauf seiner Rechte.
Und auch einen Nobelpreis wird Otto Wichterle trotz seiner ebenso genialen wie grundlegenden Entwicklung nicht mehr genießen dürfen. Er starb bereits vor sieben Jahren. Zumindest wurde noch zu seinen Lebzeiten ein Asteroid nach ihm benannt.
Zur Person: OTTO WICHTERLE
„Otto Wichterle war ein sehr freundlicher Mann mit einem ausgesprochenen Sinn für Humor, richtig englischem Humor“, erinnerte sich die Vorsitzende der Tschechischen Akademie der Wissenschaft, Helena Illnerová, „und er war sehr bescheiden.“
Geboren wurde Wichterle am 27. Oktober 1913 als Sohn eines bekannten Landmaschinenfabrikanten im mährischen Prostějov. An der Technischen Universität Prag studierte er Chemie, wo er 1936 auch promoviert wurde.
Früh widmete er sich besonders der Kunststoffchemie und der Medizin. Nach dem Studium blieb er an der Universität der Hauptstadt und erwarb 1939 einen zweiten Doktortitel. Weil Universitäten wahrend der deutschen Besatzung geschlossen wurden, setzte er seine Forschungsarbeit am Institut für Gummitechnologie beim Schuhhersteller Baťa im mährischen Zlín fort.
Dort interessierte er sich besonders für die Entwicklung von Nylon und fand 1941 die ersten Polyamidfasern zum Spinnen. Sie brachten der tschechoslowakischen chemischen Industrie ersten Ruhm ein, wurden jedoch zunächst von den Besatzern unter Verschluss gehalten und erst zehn Jahre später industriell hergestellt.
Otto Wichterle arbeitete nach dem Krieg an technischen Instituten in Brünn und Prag und wurde 1949 zum Professor für Polymerchemie an der Technischen Universität Prag ernannt. Dort wurde er 1952 auch Dekan des neu eingerichteten Instituts für Chemie-Technologie.
Doch Wichterle war Zeit seines Lebens auch ein Mann klarer Worte. Deshalb geriet er während der deutschen Besatzung für einige Monate in Gestapo-Haft. Weil er sich anschließend auch den kommunistischen Machthabern nicht unterordnete, wurde er 1959 als Dekan abgesetzt und musste mit anderen Forschern das Institut verlassen. „Ich denke, er war nie in einer politischen Partei“, so Helena Illnerová, „sein einziges Ziel war, Dinge zu verbessern und dafür beugte er sich keinem Regime.“
Statt seine wegweisenden Forschungen zu unterstützen, legten ihm die Verantwortlichen deshalb immer neue Steine in den Weg. Erst recht, nachdem er 1968 das „Manifest der 2000 Worte“ unterschreiben hatte: Wichterle wurde erneut seines Amtes am Institut enthoben und durfte keine Kontakte mehr ins Ausland unterhalten; seine Lehrtätigkeit wurde begrenzt.
„Dabei gab es niemanden in der damaligen Tschechoslowakei, der auch nur annähernd so moderne und wesentliche Lehrbücher über die anorganische und organische Chemie schreiben konnte wie er“, blickte Helena Illnerová zurück.
Ironie seines Lebens: Nach der politischen Wende wurde Professor Wichterle der Vorsitz ausgerechnet über jene Einrichtung angetragen, die ihn Jahrzehnte lang benachteiligt hatte: Die Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften.
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