Warum gibt es jetzt eigentlich keine Lebkuchen mehr? Fragte mich gestern der alte Novak, mein Prager Freund. Und das vollkommen zu Recht. Vielerorts liegt draußen noch Schnee, die Temperaturen schwanken um die Null Grad, sind manchmal noch immer im Minusbereich, der Februar ist aus Sicht der Meteorologen weiterhin ein Wintermonat – alles in allem also eine hervorragende Zeit für Lebkuchen.

Keine Lebkuchen – bringt den alten Novak auf die Palme. Beziehungsweise, um bei der Jahreszeit zu bleiben: Auf den Eisberg. Denn er liebt Lebkuchen über alles. Plätzchen auch, die hat er über Weihnachten wieder reichlich genossen. Und Honigkuchen. Schokolade sowieso. Aber: Lebkuchen am liebsten. Weshalb leicht zu erraten ist, was unter den verschiedenen Angeboten seine Lieblingssorte ist: Schokoladen-Lebkuchen!

Doch jetzt, weit und breit keine Lebkuchen mehr. Stattdessen hatten sie Supermärkte schon im August in den Regalen. Sogar bei Außentemperaturen von 30 Grad.

Warum im August?

„Weil es die Kundschaft so wünscht“, antwortete schnippisch das Personal auf meine vorsichtige Nachfrage. Und „weil die Kunden Lebkuchen eben schon im August kaufen wollen.“ Basta. Sogar zu einer Zeit, die Schokolade auf den Lebkuchen in der Hand zerfließen lässt? „Und die Leute kaufen es auch“, wurde dazu, leicht triumphierend, gerne nachgeschoben.

Bei manch fachkundiger Verkäuferin schwang jedoch zuweilen ein Unterton mit, aus dem herauszuhören war, dass sie ihre Kundschaft im Sommer in Bezug auf Lebkuchen für nicht ganz zurechnungsfähig hielt. Trieb vielleicht die Hitze zu unbedachten Käufen?

Wie der alte Novak habe auch ich einen Favoriten unter den Lebkuchen. Aus einer Bäckerei, die dafür ein fantastisches Rezept gefunden hat. Mit reichhaltigen Zutaten: Marzipan Mandeln, Zucker, Zuckersirup, Haselnuss, Honig, Kakao, Dinkelmehl, Zitronat, Gewürze, Backpulver undsoweiter.

Sie ergänzen sich aufs Trefflichste und bilden gemeinsam ein harmonisches Ganzes. In Summe sind diese Elisen-Lebkuchen daher eine Sensation! Man kann es nicht anders formulieren.

Nicht mehr die alten?

Diese Bäckerei produziert, so ihre Angaben, alle Produkte nach überlieferten Rezepten, aus naturbelassenen Rohstoffen und mit echtem Handwerk. Außerdem werden für die Herstellung vorrangig Zutaten von regionalen Zulieferern verwendet. Was will man mehr!?

Und deshalb kostete ein einzelner Lebkuchen vor Weihnachten auch einiges über zwei Euro. Okay, so viel zahlt man auch und schon seit Jahren auf dem Prager Weihnachtsmarkt am Altstädter Ring für einen Lebkuchen. Dafür sind meine Lebkuchen bei meinem Bäcker im Dreierpack günstiger. Im Fünferpack waren sie noch günstiger. Doch die waren in meiner Filiale über den ganzen Winter nicht zu haben.

Als langjähriger Genießer der Lebkuchen hatte ich zuletzt allerdings das Gefühl, dass sie dünner und vielleicht sogar etwas kleiner gebacken waren als früher. Hatte ich diese Veränderung verpasst, weil ich mich bisher einer Mitgliedschaft im Kundenclub der Bäckerei verweigert habe? Dort werden sicher alle neuesten Neuigkeiten an die Kunden weitergegeben.

Ich lese nach. Ja, tatsächlich: „Du willst immer zuerst informiert sein? Hier erfährst DU als Erster, wenn‘s bei uns was Neues gibt. Erst DU, dann alle anderen.“ Schreiben sie. Sicher wäre dort auch vermeldet worden, dass die Lebkuchen dieses Jahr dünner ausfallen. Und vielleicht auch etwas kleiner als früher. Aus dem oder jenem Grund. Oder nicht?

Direkt gefragt

Weil eben kein Klub-Mitglied, suche ich den direkten Kontakt. Ich frage bei der Fachkraft hinter der Theke nach. Täusche ich mich oder sind die Lebkuchen dieses Jahr dünner als üblich?

Die Verkäuferin outet sich als langjährige Genießerin ihrer eigenen Lebkuchen. Und fügt an, dass auch ihre Kolleginnen diese wunderbaren Erzeugnisse ihres Unternehmens mehr oder weniger häufig selbst essen. Oder verschenken. Ich schlage vor, dass alle zusammen einen Klub gründen sollten: „Freunde der eigenen Lebkuchen.“ Sozusagen.

Sie nimmt einen verpackten Lebkuchen von der Theke, hält ihn in Händen, wiegt hin und her, dreht ihn von oben nach unten, dann von unten nach oben. Schließlich kommt sie zu dem Ergebnis: Jawoll, hat auch für sie den Anschein, dass er anders ist als früher. Eben dünner.

Mogelpackungen

Also eine Mogelpackung? Seit Jahren macht die Verbraucherzentrale Hamburg auf besonders dreiste Fälle von versteckten Preiserhöhungen aufmerksam: Packungsgrößen teils stark reduziert, Preise gleichzeitig erhöht oder nicht angepasst. In den letzten Tagen suchte sie wieder die „Mogelpackung des Jahres.“ 77 neue Produkte auf der Liste, die zweithöchste Zahl seit Beginn der Erhebungen. Auch Lebkuchen? Meine Lebkuchen?

Fünf Kandidaten kamen in den engeren Kreis, die Verbraucher durften entscheiden. Ich schaue mir die Shortlist für 2025 durch: Alpenmilch Schokolade, Käse-Streusel Backmischung, Schoko-Hafer-Müsli, Pomodoro Mozzarella, Classic Kaffeesticks – nein, keine Lebkuchen dabei.

Trotzdem will ich es nun genau wissen und schreibe deshalb an das Unternehmen. Im Internet gibt‘s ein Kontaktformular für jedermann. Ich gebe mich als Stammkunde zu erkennen, als Freund verschiedener Filialen, lobe das oft sehr freundliche Personal – und vor allem ein hervorragendes Produkt.

Gleich zwei Antworten

„Ich bin ein großer Fan Ihrer Lebkuchen“, teile ich mit. Für mich als Kenner mit Abstand die besten auf dem Markt, fahre ich fort. Deshalb sei der hohe Preis durchaus gerechtfertigt – nur Lob macht auch keinen Sinn. „Doch leider fallen sie nach meinem Empfinden in diesem Jahr dünner aus als in den Jahren zuvor“, steigere ich mich dann in meiner Kritik. Und treibe sie schließlich auf die Spitze: Sollten Kosten gespart werden? Herzliche Grüße.

Ein paar Tage darauf antwortet mir tatsächlich die Marketing-Abteilung: Sehr geehrter, vielen Dank, Lob erfreut, Kritik nehmen wir ernst. An der Rezeptur der Lebkuchen hat sich nichts geändert – eigentlich sollen sie genauso gut sein, wie im vergangenen Jahr. Mit freundlichen Grüßen.

Völlig überraschend bekomme ich wenig später noch eine zweite Nachricht, diesmal von der Service-Abteilung der Bäckerei: Guten Morgen, vielen Dank, Kundenfeedback immer wichtig. Bezüglich unserer Lebkuchen können wir Ihnen mitteilen, dass die Gewichtsangaben im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert wurden. Schönes Wochenende.

Für diese Angaben spricht, dass die Lebkuchen in meiner Bäckerei immer erst ein paar Wochen vor Weihnachten die Regale füllen – und zuletzt sogar noch schneller weg waren als warme Semmeln. Und dass sie normalerweise kurz vor Weihnachten zu einem Drittel des Preises angeboten werden, um die Restbestände zu verkaufen. Doch von letzter Ware konnte diesmal keine Rede sein. Allem Anschein nach waren sie in diesem Winter so beliebt wie nie.

Prinzip Eichhörnchen

Heute habe ich dem alten Novak geschrieben. Mit einem guten Rat: Er möge in diesem Jahr das „Prinzip Eichhörnchen“ befolgen. Bedeutet: Vorräte anlegen. So lange das Angebot reicht.

Ich habe es selbst beherzigt. Und zwei Tage vor Weihnachten alle Lebkuchen abgeräumt, die in den verschiedenen Filialen meiner Bäckerei noch verfügbar waren. Machte in Summe drei Dutzend Lebkuchen. Davon zehre ich bis heute. Wie lange Lebkuchen haltbar bleiben? Habe ich frühzeitig überprüft. Herstellung: 5. November 2025, Ablauftermin: 5. August 2026. Kein Problem!

Außerdem habe ich mich für die Kundenkarte des Unternehmens angemeldet. „Bedeutet für dich mehr Angebote, mehr Gewinne, mehr Tipps, mehr Infos und vieles weitere mehr… Einmal anmelden – für immer vorne mit dabei!“ Stand auf dem Anmeldeformular. Hat mich überzeugt.

Allerdings habe ich das Unternehmen in meinem Schreiben wissen lassen, dass ich schon jetzt für seine goldene Kundenkarte zur Verfügung stehe, sofern sie eines Tages eingeführt wird. Nimmt man’s genau, könnte zumindest die für Lebkuchen keinen besseren Träger haben als mich.

Entwöhnungszeit

Bezüglich der Dicke (beziehungsweise Dünne) bleibe ich allerdings weiter skeptisch. Möglicherweise verfestigte sich mein Eindruck, weil ich immer erst im Winter zum Konsum bereit bin. Deshalb sollte ich dieses Jahr doch schon im August damit beginnen, um die Entwöhnungszeit zu reduzieren.

In jedem Fall werde ich mir ein Exemplar aus meinem persönlichen Bestand bis Sommer aufheben. Das werde ich in meiner rechten Hand halten und den Lebkuchen vom August in der linken. Mal sehen, wer schwerer (oder leichter) ist. Ich suche mir dafür bereits in den nächsten Tagen einen Eiskeller, damit die Schokolade im Sommer nicht unverzüglich in der Hand schmilzt und das Testergebnis dadurch verfälscht wird.

Wenn der Vorrat aufgebraucht ist, bleibt freilich noch eine andere Möglichkeit. Mancher Hersteller produziert Lebkuchen in Deutschland angeblich das ganze Jahr über. Sofern man dafür bereit ist, dessen Ware zu akzeptieren und nicht mit den gewohnten wunderbaren Lebkuchen zu vergleichen. Und sofern man eine Fahrt zu seiner Zentrale irgendwohin in Kauf nimmt.

Der alte Novak ist ein schlauer Fuchs. Ich fürchte, er könnte davon Wind bekommen, sobald seine Entzugserscheinungen in den nächsten Tagen übermächtig werden.

Ich warte ab sofort auf Bestellungen aus Prag.