Bei Olympischen Spielen gibt es immer einen besonderen Augenblick. Genauer gesagt: Eine Sensation. Das war schon immer so und wird auch bei den Winterspielen in Italien in den nächsten Wochen so sein. Oder gab es diesen olympischen Moment schon? Die Tschechen sagen: Ja! Wieder beschert ihnen eine Snowboarderin dieses außergewöhnliche Ereignis, wie schon bei Winterolympia 2018.

Ein besonderer Moment bei Olympia kann objektiv sein. Wie durch Rosi Mittermaier, die sich vor genau 60 Jahren in Innsbruck mit zwei Goldmedaillen und einer silbernen in den alpinen Ski-Wettbewerben in die Herzen von so ziemlich jedem Deutschen fuhr – weshalb jedermann sie danach nur noch „Gold-Rosi“ nannte. Selbst einem Postboten hätte diese Angabe genügt, um Fanpost für sie genau an die richtige Adresse zu befördern.  

Es gibt aber auch olympische Ereignisse, die subjektiv im Gedächtnis bleiben und noch Jahrzehnte später präsent sind. Die erste Sensation, an die ich mich bei Olympia erinnern kann, ereignete sich bei den Winterspielen in Sapporo 1972.

Damals, 1972

Diese Sensation schuf eine Eisschnellläuferin namens Monika Pflug, im Finale über 1000 Meter. Erst 17 Jahre alt war die schnelle Frau aus München, als sie in Japan auf dem Siegertreppchen stand. Weshalb der unvergleichliche Dieter Kürten ihren Siegerlauf in seiner Moderation vorwegnahm – wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Aber warum sollte es…

Unfassbares sei geschehen, sagte Kürten damals sinngemäß. Deshalb wolle, ja müsse er die Zuschauer sofort davon in Kenntnis setzen: „Monika Pflug hat die Goldmedaille gewonnen!“ Wie im folgenden Bericht zu sehen ist.

Damit verdarb der ZDF-Moderator seinem Eisschnelllauf-Reporter vor Ort natürlich den Beitrag. Zudem nahm er den Zuschauern alle Spannung – heute ein absolutes Sakrileg. Doch dem smarten Kürten konnte nie jemand böse sein. (Weshalb es auch eine schöne Geste war, dass im ZDF-Sportstudio letzten April an seinen 90. Geburtstag erinnert wurde.)

Wohlwollend konnte man ihm auch zugutehalten, dass er vorausschauend und im Dienste seiner Zuschauer handelte: Dieter Kürten wollte schlicht vermeiden, dass irgendwer vor der Mattscheibe einen Herzinfarkt bekommt – einfach zu sensationell war der Triumph von Monika Pflug.

Damals, 1968

Und deshalb war dieser Olympiasieg – fast – vergleichbar mit dem Siegessprung von Bob Beamon bei den Olympischen Sommerspielen vier Jahre zuvor in Mexiko. Ebenfalls eine Sensation, weil kein Mensch gedacht hatte, dass ein Mensch jemals in der Lage sein würde, 8,90 Meter weit zu springen.

Rein subjektiv wurde jedoch selbst Beamon noch getoppt. Von dem, was sich exakt fünf Jahrzehnte später abspielte, bei Olympia in Südkorea. Im alpinen Super-G der Damen hieß die Pflug Mitte Februar 2018 Ester Ledecká.

Bis heute konnte und wollte ich diese Sensation nicht auf der Festplatte meines Fernsehers löschen. Diesen Moment, als sich IOC-Präsident Thomas Bach an die Österreicherin Anna Veith anwanzt und ihr rät, ihren Sieg zu genießen – während sich die vermeintliche Siegerin eine Träne aus dem Auge wischt.

Und dann: Ledecká

Dann kommt Ester Ledecká, Tschechien, Startnummer 26, „nur“ Weltmeisterin im Snowboard. Weshalb auf sie quasi aus Höflichkeit gewartet wurde – wie immer, wenn die Favoriten durch sind und nur noch die hohen Startnummern kommen. Bis Ledecká die Ziellinie überquert.

Schon während ihres Rennens gerät die Stimme des ARD-Reporters Bernd Schmelzer in Ekstase. Am Ende überschlägt sie sich bis zur Unkenntlichkeit: „Fliegt fast am Tor vorbei – neiiiin – es ist der Wahnsinn, ohne Worte – ich fass‘ es nicht – du bist es, Esther, du bist es.“ Genau mit einem Vorsprung von 0,01 Sekunden auf Veith, Österreich.

Bei Olympia in Italien heißt die Ledecká nun Zuzana Maděrová. Wieder Tschechische Republik. Schon wieder eine Snowboarderin. Und wieder ist ihr Sieg eine merkwürdige Abfolge von Ereignissen. Beinahe schon von Verstrickungen.

Tschechische Fans auf Halbmast

Tschechische Medien zeigten sich vor Olympia noch siegessicher: „Sobald Ledecká das Snowboard unter die Füße schnallt, scheint sie nicht zu schlagen.“ Schließlich gewann sie zuletzt auch viermal nacheinander den Gesamtweltcup.

Diesmal scheitert die dreifache Olympiasiegerin aber schon im Viertelfinale des Parallel-Riesenslaloms. Hauchzart geschlagen von Sabine Payer, Österreich. Die Fahnen der tschechischen Fans im Zielraum gehen auf Halbmast.

Dafür dominiert plötzlich Zuzana Maděrová den Wettbewerb, besiegt zunächst die Deutschen Cheyenne Loch und Ramona Hofmeister, die große deutsche Medaillenhoffnung. Die Tschechen ziehen ihre Fahnen wieder hoch.

Tschechische Fans im Fahnenmeer

Dann distanziert Maděrová die italienische Lokalmatadorin Elisa Caffont, hat im Halbfinale fast eine halbe Sekunde Vorsprung, reißt bei der Zieldurchfahrt den rechten Arm nach oben.

Schließlich macht sie das Finale zu einer „One Woman-Show“: Mehr als 0,8 Sekunden schneller als Payer, ausgerechnet die Ledecká-Bezwingerin. Diesmal reißt Maděrová im Ziel beide Arme hoch. Die tschechischen Fans vereinigen sich zu einem Fahnenmeer. Nicht Ledecká? Egal, Hauptsache Tschechien!

Für tschechische Medien war Ledecká als einzige Frau, die bisher bei den selben Olympischen Winterspielen in zwei verschiedenen Sportarten Gold gewann, „die größte tschechische Hoffnung auf Gold.“ Nun erklärt der deutsche Reporter: „Die Sensation ist perfekt – wer hatte denn schon Maděrová auf dem Zettel, diese krasse Außenseiterin?“

Zuzana, wer?

Doch wer ist nun diese Maděrová, Zuzana? 22 Jahre alt, aus Liberec, bisher nur Insidern bekannt – so viel ist klar. Und sonst noch?

ARD-Kommentator Jan Wiecken hilft im Live-Stream ein Stück weiter: „Ziemlich groß, kein gutes Englisch, unterhält sich trotzdem gerne. Strickt viel, weil es beruhigt.“ Muss sich anscheinend oft ablenken, denn „das gesamte tschechische Team hat von ihr schon Mützen erhalten, Serviceleute, Physiotherapeuten, Teamkollegen.“

„Die erste große Medaille in ihrer Karriere, nachdem Maděrová bei ihrem Olympiadebüt vor vier Jahren in Peking schon in der Qualifikation ausschied“, ergänzt Sport.cz. Zuvor gewann sie nur zwei Bronzemedaillen bei Junioren-Weltmeisterschaften sowie wenige zweite und dritte Plätze im Weltcup.

Sie betreibe Spitzensport gegen den Wunsch ihrer Eltern, behauptete aber angeblich „mit 14 schon, dass dies die letzten Olympischen Spiele ohne mich sein würden“, schmunzelt Aktuálně.cz. Entscheidend dafür war das Drängen ihrer älteren Schwester Anna.

Eine tschechische Disziplin

„Maděrová ist die dritte tschechische Olympiasiegerin nacheinander im Snowboard, nach Ledecká im Parallel-Riesenslalom sowie Eva Adamczyková 2014 unter dem Namen Samková im Snowboardcross“, fasst Seznam Zprávy zusammen.

Ende bei Olympia 2018: Die Pragerin Ledecká winkt im Ziel ab. „Olympiasieg, ich? No! Wie konnte das passieren?“

Finish bei Olympia 2026: „An der Ziellinie dachte ich plötzlich: ‚Ich muss gewonnen haben. Ich konnte es überhaupt nicht glauben“, so Maděrová. Zweimal also: Drama pur!

In Sapporo gab’s bei Olympia 1972 nur 35 goldene Auszeichnungen Bei den Winterspielen in Italien werden insgesamt 116 Goldmedaillen vergeben. Die höchste Anzahl an Entscheidungen in der Geschichte von Olympia im Winter.

Doch für die Tschechen könnten die Olympischen Spiele schon morgen wieder zu Ende gehen.

Titelfoto: Mattias Olsson / Unsplash