Der Trainer ist weg, der Präsident bleibt sich treu: Er ist weiterhin gut für Überraschungen. Schweinfurt 05 wirft seinen Aufstiegscoach Victor Kleinhenz raus und verpflichtet Jermaine Jones (Foto oben) als Nachfolger. Das Ende einer Ära zur Unzeit – urteilen (bekannte) Fans in Tschechien. Wie die allermeisten Anhänger. Doch wer mit dieser Entscheidung nicht gerechnet hat, der kennt Markus Wolf nicht.

Wenn schon eine Entlassung des Trainers, dann hätten die Länderspielpausen im Oktober oder November besser gepasst. Für einen Neustart nach dem verpatzten Auftakt in die erste Drittliga-Saison der Vereinsgeschichte.

(Zu) später Zeitpunkt

Und noch mehr die Niederlage gegen Mitaufsteiger Havelse im letzten Heimspiel vor der Winterpause. Ein Schlüsselspiel der Vorrunde, bei dem jeder Fan der Nullfünfer mit einem Sieg rechnete. Jener Zeitpunkt also, an dem sich Victor Kleinhenz nach Abpfiff gut eine halbe Stunde lang vor der Tribüne den bisher so geduldigen und leidensfähigen Fans erklären musste.

Dass Markus Wolf, dessen jahrelanges Engagement für den FC 05 trotz dieser Horror-Saison in Liga drei schon jetzt als Erfolgsgeschichte gelten muss, damals nicht handelte, konnte man als Realitätssinn werten. Nämlich als Einsicht, dass der Kader nicht lieferte, was sich Wolf von ihm erhofft hatte. 

Viele Ansätze

Der fränkische Ansatz bei der Zusammenstellung war nicht tragfähig. Warum sollten Spieler plötzlich in Schweinfurt über sich hinauswachsen, nur weil sie in Franken geboren wurden und hier von Familienangehörigen oder Freunden verstärkt im Stadion angefeuert werden…?

Dass Wolf auf Spieler setzte, die sich in einer schwierigen Phase ihrer Karriere befinden, hätte erfolgreich sein können – musste aber nicht. Manuel Wintzheimer oder Erik Shuranov hatten in anderen Klubs zuvor durchaus geliefert. Warum sie Leistung nicht oder so selten im grünen Trikot des FC 05 bringen, wissen sie selbst am besten.

Ein richtiger Ansatz ist trotzdem, dass Markus Wolf seine guten Verbindungen nach Nürnberg nutzt – natürlich auch wegen seines sicher teuren Sponsorings dort – und Spieler holt, die beim Club außen vor sind, dies aber nicht ewig bleiben wollen. Wie Winners Osawe, der sehr bemüht wirkt, wenn auch vieles noch nicht funktioniert. 

Warum jetzt?

Warum also diese Entlassung gerade jetzt? Darüber lässt sich trefflich spekulieren. Aus sportlicher Sicht ist der Abstieg nicht mehr zu vermeiden, selbst wenn die Elf unter neuer Leitung in den nächsten Partien erfolgreicher abschneidet als bisher. Außerdem war die Winterpause für eine Analyse lange genug, um schon damals Konsequenzen zu ergreifen.

Menschliche Differenzen? Eher unwahrscheinlich, schließlich glückte Kleinhenz der so lange angestrebte Aufstieg überraschend, nachdem sich der FC 05 gegen Profitum und wieder für den Amateurstatus entschieden hatte. Damit erfüllte er einen sportlichen Traum seines Präsidenten. Weshalb Wolf möglicherweise so lange an ihm festhielt.

Impulsive Entscheidung?

Ein impulsiver Moment des Chefs? Auffallend ist, dass Wolf oft entlässt, wenn sich Trainer gerade nicht zu 100 Prozent auf ihre Mannschaft konzentrieren können oder wollen. Das war bei Tobias Strobl so, den Meistertrainer von 2021, der im nächsten Frühjahr nebenbei gerne bei einem Landesligisten kickte und 2022 trotz aller Erfolge noch vor Saisonende gehen musste. Und jetzt bei Kleinhenz, der im Januar regelmäßig im Training fehlte, weil er beim DFB in Frankfurt einen Lehrgang für eine UEFA-Lizenz absolvierte.

Dass Kleinhenz ausgerechnet am Faschingsdienstag entlassen wurde, hielten viele Fans daher für eine Narretei, als sie davon Wind bekamen. Vorgänger Strobl wurde am 1. April 2022 entlassen, was viele Fans daher für einen Aprilscherz hielten, als sie davon hörten.

Defizite bleiben

Wer Victor Kleinhenz in Spielen und beim Training regelmäßig beobachtete, erlebte einen engagierten und überzeugenden Coach, der vieles versuchte, um seine Mannschaft in die Erfolgsspur zu führen. Oft genug beklagte er Defizite in seinem Kader. Die Offensive ist zu stumpf, Qualität nachlegen konnte er mit seinen Wechseln kaum. Weshalb erstaunlich bleibt, warum sich Schweinfurt einen solch großen Kader leistet.

Die Erinnerung an die ungenügende Saison 1990/91 in der Zweiten Bundesliga lehrte, dass ein Trainerwechsel unter diesen Voraussetzungen keinen Sinn macht. Auf den (zu) gelehrten Sportwissenschaftler und Trainerneuling Elmar Wienecke folgte damals der angeblich „harte Hund“ Niko Semlitsch, ohne jedoch viel zu bewirken. 

Das Verdienst von Victor Kleinhenz bleibt, dass er die Elf nicht nur zur Meisterschaft führte, sondern auch in die dritte Liga und damit nach 23 Jahren zurück in den Profifußball. Eine Ironie seines Rauswurfs ist, dass er nach dem Spiel gegen Ingolstadt gehen muss, dem einzigen Klub bisher, der Schweinfurt in zwei Spielen nicht besiegen konnte.

Überraschende Personalie

Genauso spannend wie der Zeitpunkt der Entlassung ist die Personalie der Neuverpflichtung. Jermaine Jones machte sich vor allem als Profi bei Schalke 04 einen Namen, bestritt Länderspiele sowohl für Deutschland wie die USA, für die er auch bei der WM 2014 spielte. Wie Wolf ausgerechnet auf ihn kam, der als Trainer bisher nicht aufgefallen ist, bleibt rätselhaft.

Oft spielen Berater in solchen Fällen eine wichtige Rolle. Doch wer rät Jones dazu, ausgerechnet bei einem potenziellen Absteiger seine Eintrittskarte für eine Karriere als Trainer im deutschen Profifußball zu suchen?

Selbst ins Spiel gebracht

Gleichwohl hat sich Jones erst vor ein paar Wochen selbst als Kandidat für einen Drittligisten ins Gespräch gebracht. Er habe „Feuer gefangen“ und sei bereit für eine Stelle als Cheftrainer, wenn „ein Angebot aus der dritten Liga kommt“, erklärte er im Januar in einem Interview mit dem Wiesbadener Kurier.

Der Schweinfurter Kader wird freilich auch unter der Regie von Jones nicht anders sein. Verbessert werden kann allein noch die Bilanz, nicht die schlechteste Mannschaft aller Zeiten in der dritten Liga zu bleiben, wie in der Hinrunde. 

Kein Risiko

Markus Wolf ging nicht ins Risiko. Weder mit seiner späten Trainerentlassung noch mit seinem Etat. Deshalb wird die finanzielle Zukunft des Klubs nach dem Abstieg nicht auf dem Spiel stehen, wie nach dem Abenteuer Zweite Liga in den 2000er Jahren.

Und dafür wird Wolf nun auch vermutlich weiterhin sorgen. Zuletzt wurde schon die Sorge geäußert, der Möbel-Unternehmer könne im Sommer sein Interesse am Klub verlieren, nachdem sein großes Ziel dritte Liga erreicht wurde. Doch so spät in der Saison auf einen neuen Trainer zu setzen deutet sehr darauf hin, dass er das Ruder bei den Nullfünfern weiter in der Hand behalten will.

Klaus Hanisch