Was macht jetzt Metoděj Jílek? Der Medaillengewinner über 5.000 und 10.000 Meter im Eisschnelllauf. Nachdem er die tschechische Fahne bei der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele getragen hat. Fällt auch er in ein Loch? Wie Zuschauer, die ihm vor dem Fernseher gefolgt sind. Sowie all den anderen Wettbewerben in Norditalien.

Metoděj Jílek hat es einfach. Er ist Olympiasieger (10.000 Meter). Das ist man ein Leben lang. Auch noch danach. Den Ruhm kann er nun jeden Tag auskosten. Wohin auch immer Jílek geht: Die Nachfrage nach seinem Autogramm wird nicht geringer. Und er ist erst 19. Da weiß der Tscheche mit seiner freien Zeit nach Olympia und der restlichen Eissaison sicher viel anzufangen.

Aber welche Zukunft hat ein TV-Olympionike, wenn kein Olympia mehr im Fernsehen läuft? Was zu der fast schon existenziellen Frage führt: Macht ein Leben nach Olympia noch Sinn? Zumal deutsche Bobfahrerinnen vor ein paar Tagen ganz offen aussprachen, dass es eine nacholympische Depression gibt. Eine große Leere.

Das geht dem wahren TV-Olympia-Zuschauer kaum anders. Auch wenn sein Loch vielleicht nicht ganz so tief ist wie bei Leistungssportlern. Zumindest kann er noch eine Weile von diesen Winter-Wunderspielen zehren. Etwa von Samstag, 21. Februar. Vorletzter Tag bei Olympia:

Gute Laune

… schon am Morgen: Viererbob Männer. Piloten kreuzen vor dem Start die Arme, weil sie wohl noch schnell eine Übung zur Stärkung des Zwerchfells machen wollen. Nein, keinen am Start vergessen, alle vier im Bob, sitzen auch mit Blick nach vorne – hat man durchaus schon anders erlebt.

Diese Piloten haben für alles einen Spezialisten im Boot. Also im Bob. Im Gegensatz zu Frauen im Monobob. Anschieben, steuern, bremsen – mussten sie ganz allein machen. Erst jetzt wird klar, dass sie Schwerarbeiterinnen sind.

… auch am Mittag: Denn Ski Cross kann spannender sein als jeder „Tatort“. Lehrte das „Erlebnis Olympiasieg Daniela Maier“ schon einen Tag zuvor. Gibt’s bei den Männern heute eine Keilerei? Der Kanadier Jared Schmidt könnte sich gleich ein Jurymitglied vorknöpfen, weil er disqualifiziert wurde. Und der Deutsche Tim Hronek geht womöglich dem Schweizer Ryan Regez an den Kragen, weil er seinetwegen rausflog.

Außerdem 50 Kilometer Langlauf. Pech für den armen Reporter. Glück für den echten TV-Olympioniken. Ausreichend Zeit für eine Nahrungsaufnahme. Obwohl Essen und Trinken seit Beginn von Olympia auf ein Minimum reduziert wurde. Schlaf auf das erforderliche Mindestmaß. Arbeit ganz eingestellt.

… dann am Nachmittag: Skibergsteigen. Sieht aus wie früher ein Schulausflug. Was ist im Rucksack? Lawinen-Notfallausrüstung eher nicht. Stattdessen vermutlich belegte Brötchen, mit Salami aus Norditalien. Biathlon-Übermacht von Frankreich zwar auch im Massenstart der Frauen nicht zu brechen. Aber: Überraschend Bronze für Tereza Voborníková. Am Ende die erste und einzige Medaille für das tschechische Biathlonteam.

… erst recht am Abend: Philipp Raimund feiert im ARD-Studio noch einmal seine Goldmedaille. Im Skispringen. Obwohl er früher Höhenangst hatte. Ein Olympia-Wunder! Freut sich, dass seine Familie dabei sein konnte. Und was ist mit dem echten TV-Olympioniken? Hat keinen Deut weniger mitgefiebert. Und sich genauso mitgefreut. Dazu Gold und Silber im Zweierbob Frauen. Mehr Olympia geht kaum!

… in der ganzen Nacht: Wiederholungen in Eurosport von allem, was man schon am Tag bei Olympia gefeiert hat. Für den Fall, dass man’s verpasst hätte. Bei einem TV-Olympioniken natürlich unvorstellbar. Obwohl: Sieben Livestreams. Re-Lives. Dokus. Nicht einfach, den Überblick zu behalten. Aber genau das macht einen echten TV-Olympioniken ja aus!

Der schönste Moment bei Olympia war …

… individuell verschieden. Je nach Vorlieben für Sportarten. Ein schönes Beispiel: Dominika Piwkowska und Nikola Domowicz, Doppelsitzer Rodeln, Polen. Live-Ticker nach erstem Lauf: Keine Chance mehr für sie nach vorne. Zweiter Lauf, erste Tränen bei Domowicz schon nach Zieleinlauf.

Teilnehmer starten in umgekehrter Reihenfolge des Klassements. Chinesinnen vor ihnen, sind aber jetzt langsamer, Piwkowska und Nikola Domowicz hüpfen in der Leader Box wie kommende Olympiasieger.

Live-Ticker: Nächstes Paar aus Ukraine mit großen Problemen am Start, Polinnen können Vorsprung ausbauen, Domowicz sitzt auf dem Podest und heult wie ein Schlosshund. Am Ende Rang sechs. Unvorstellbar, wenn sie Gold gewonnen hätten…

Geben hinterher zu Protokoll, dass sie gerade ein Wunder erleben, weil: Ausrüstung bereits neun Jahre alt, knarrt wie alter Schrank. Keine Sponsoren, keine Rodelbahn in ganz Polen, auf der sie anständig trainieren können. Also im Prinzip nicht konkurrenzfähig – und dann Sechste bei Olympia!

Lehren aus Olympia 2026:

– Ein Skeleton-Fahrer ist ein Skeletoni. Und kein Skelett. Wie mancherorts vermutet wurde. Und mehrere? Auch keine Skelette. Sondern Skeletonis. Selbst wenn Unüberzeugbare darauf verweisen, dass der Schlitten eines Skeletoni wie ein Skelett aussieht.

– Offen dagegen, ob Skeleton ebenfalls aufs Mutterland der Olympischen Spiele zurückzuführen ist. Wegen der Endung -on. Also wie Marathon. Lag Griechenland in grauer Vorzeit unter einer Eisplatte? Vielleicht Teile des Peloponnes? Vielleicht sogar rund um Olympia? 

Norwegen braucht im Winter keine Landesmeisterschaften mehr. Regeln sie künftig bei Olympischen Spielen. Mit geladenen Gästen in einigen Disziplinen. Sechs Goldmedaillen allein für Langläufer Johannes Høsflot Klæbo. Olympia 2026: Die Klæbo-Festspiele.

– Nordmänner und -frauen dringen in den Eisschnelllauf ein. Wo traditionell Holländer bei Olympia ihre Landesmeisterschaften austragen. Nahmen sie überhaupt noch woanders in Italien teil? Falls zufällig ein Chinese im Eischnelllauf gewann (wie über 5.000 Meter), hatte er einen holländischen Trainer.

– Wenn alpines Skifahren schön aussieht, ist es nicht schnell – wurde oft behauptet. Doch auch bei Olympia 2026 galt wieder: Wenn alpines Skifahren schön aussieht, ist es nicht schnell – bis Mikaela Shiffrin kommt. Siehe den zweiten Durchgang des Riesenslaloms. Ein Phänomen, diese Skifahrerin!

Dröhnende Töne erfreuen. Wenn sie von Drohnen kommen, die im Eiskanal vorführen, wie schnell es im Eiskanal zugeht. Oder nerven, wenn sie Funksprüche wichtigtuerischer Funktionäre auf der Skipiste sind. Oft so nichtssagend wie Piloten aus dem Cockpit eines Flugzeugs.

Bronze kann so wertvoll sein wie Gold. Zumindest für den holländischen Eisschnellläufer Kjeld Nuis, der sich darüber in Italien so freute wie über seine drei Goldenen bei den Olympischen Spielen 2018 und 2022.

Norwegen-Pullover von Harry Valérien haben bei Olympia nicht ausgedient. Obwohl der alte Haudegen bereits verstorben ist. Dank ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die im Studio täglich einen anderen trug. Weil sie ein Fan ihres Vorgängers ist? Oder hat sie Valeriéns Kleiderschrank geerbt?

Shorttrack bleibt chaotisch. Auch wenn diesmal kein Rennen dabei war, in dem die führenden vier Läufer nacheinander rausfliegen und der weit abgeschlagene Fünfte klarer Sieger wurde. Dafür klatschen sich Männer in der 5000 Meter-Staffel ab wie bei einem Gesellschaftstanz.

– Gibt es keine sportliche Gerechtigkeit mehr? Der kanadische Sieg im Männer-Curling lässt zweifeln. Nach dem Regelverstoß gegen Schweden.

– Gibt es doch sportliche Gerechtigkeit? Die Olympiasiege von „Hansi“ Lochner, den „ewigen Zweiten“, in den Bobs gegen „Franz“ Friedrich, den „ewigen Ersten“, machen Hoffnung. Ebenso der Triumph von Ebba Andersson im 50 Kilometer Langlauf. Nachdem sie zuvor im Staffelrennen erst stürzte, dann einen Salto schlug und gefühlt einen Kilometer lang hinter ihrem Ski zu Fuß her lief – was das sicher geglaubte Gold kostete.

Der 4. Platz muss abgeschafft werden! Deutsche Siege wurden im deutschen Haus begossen, klar. Aber wo war die Ecke, in die sich Deutsche nach einem vierten Rang verkrochen? Sinnlos, nach dem zehnten vierten Platz für Deutschland weiter zu zählen. Hatten wir aber ja schon zu Beginn der Olympischen Spiele in Norditalien gefordert.

Was also jetzt, ohne Olympia im Fernsehen? Nachdem das private TV-Olympiastudio im eigenen Wohnzimmer abgebaut ist. Und die sportlichen Festtage wieder in Alltage münden. Weil die klare Struktur eines jeden Tages fehlt: Olympia rund um die Uhr. (… folgt Teil 2)

Fotos: Gerda Pulito