Ja, was denn nun? Investitionen in Tschechien und Osteuropa – sind ratsam. Zumindest gemäß einer großen Umfrage, die Mitte Februar veröffentlicht wurde. Demnach dürfen sich deutsche Unternehmen dort über erhebliche wirtschaftliche Vorteile freuen. Investieren im östlichen Ausland – ohne größeren Effekt. Zumindest nach einer anderen Studie, die nur ein paar Tage später bekannt wurde. Folgt man ihr, führen Produktionsverlagerungen ins östliche Europa zu deutlich weniger Ersparnisse als vielfach vermutet.
Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA) ergab jüngst, dass Mittel- und Osteuropa für deutsche Unternehmen immer wichtiger wird. Zumindest für jene 115 Firmen, die zu ihren Geschäftserwartungen in dieser Region befragt wurden.
Demnach glauben 63 Prozent, dass die Länder Mittel- und Osteuropas in den kommenden fünf Jahren stärker zu ihrem globalen Umsatz beitragen werden. Fast ein Drittel rechnet mit einer wachsenden Bedeutung der Region schon für sein aktuelles Geschäftsjahr 2026.
Ja: Stabilitätsanker
„Mittel- und Osteuropa ist für deutsche Unternehmen längst mehr als ein Produktionsstandort – die Region ist ein wirtschaftlicher Stabilitätsanker in Europa“, erklärt dazu OA-Geschäftsführer Michael Harms, „wer heute dort investiert, macht sein eigenes Geschäft zukunftsfest und stärkt die europäische Wettbewerbsfähigkeit.“
Laut Umfrage planen 41 Prozent der Unternehmen Investitionen in den nächsten zwölf Monaten, 19 Prozent wollen mehr als fünf Millionen Euro investieren. Für sie sei Mittel- und Osteuropa nicht mehr nur ein reiner Produktionsstandort, sondern immer mehr ein integrierter Produktions-, Beschaffungs- und Absatzraum, so ein Ergebnis der Umfrage.
Großer Binnenmarkt
Wesentlicher Grund für geplante Investitionen: Der attraktive Absatzmarkt innerhalb der Region durch rund 155 Millionen Bewohner. Dazu steigende Kaufkraft, ein erwartetes Wirtschaftswachstum von fast drei Prozent in diesem Jahr sowie die fortschreitende Integration in den europäischen Binnenmarkt und die Eurozone.
„In der geopolitisch unsicheren Weltlage bietet Mittel- und Osteuropa deutschen Unternehmen einen aufstrebenden Absatzmarkt in der EU und eine wachsende Beschaffungsregion in unmittelbarer Nachbarschaft“, ergänzt Andreas Glunz (KPMG).
Auch niedrige Arbeitskosten bleiben ein wichtiges Argument (38 Prozent, plus fünf Prozent). Allerdings sind verfügbare Arbeitskräfte nur noch für 28 Prozent der Befragten ein Vorteil (minus neun Prozent).
Verlagerung von Produktion
Dieses Plus fiel bei den Befragten mehr ins Gewicht als politische oder Sicherheitsrisiken (60 Prozent, minus sieben). 47 Prozent nennen die Korruption als Problem (plus neun Prozent) und mehr als jedes dritte deutsche Unternehmen ärgert sich über hohe Bürokratie.
Daher erwägt jedes vierte Unternehmen, das sich an der Umfrage beteiligte, eine Verlagerung von Produktion aus Deutschland in die Region. Allerdings haben nur vier Prozent auch wirklich konkrete Pläne für die kommenden zwölf Monate. 70 Prozent schließen eine Produktionsverlagerung kurzfristig aus.
Als attraktivster Investitionsstandort wurde Polen (von mehr als der Hälfte der Befragten) genannt. Doch die Tschechische Republik ist mit plus zwölf Prozent der größte Aufsteiger. Selbst die Ukraine verzeichnete ein Plus acht Prozent, ungeachtet des weiter tobenden Krieges.

Nein: Viele Nachteile
Nur ein paar Tage später berichteten Medien jedoch über eine Analyse von Strategy&, die zu einem anderen Urteil kam. Demnach können deutsche Industriefirmen von einer Abwanderung nach Mittel- und Osteuropa kaum profitieren. Unternehmen sparen dort deutlich weniger ein als erhofft.
Stattdessen gebe es eine Reihe von Nachteilen: Arbeitskosten stiegen in den letzten Jahren dreieinhalbmal so schnell wie die Produktivität, es herrsche ein (um 16 Prozent) größerer Mangel an Fachkräften als in Deutschland und die Energiepreise seien in der Region mittlerweile dreimal höher als noch vor fünf Jahren.
Daher bieten Mittel- und Osteuropa – wobei Polen und Tschechien die beliebtesten Länder für Investitionen zwischen 2015 und 2024 waren – als Standort allein keinen entscheidenden Wettbewerbsvorteil (mehr).
Lieber nach Asien
Ergebnis daher: Wenn schon ins Ausland wegen niedriger Kosten und besseren Produktionsbedingungen, dann nicht nach Mittel- und Osteuropa – sondern in Länder Asiens. Vorteile dort: Billigere Energie, schnellere Automatisierung, mehr Roboter.
Führungskräfte und Firmenchefs „können sich nicht mehr auf den Standort als alleinstehenden Wettbewerbsvorteil verlassen“, zitierte die Wirtschaftswoche den Autor der Studie, Michael Weiß.
Anlass für diese Analyse waren laut Wirtschaftswoche die vermehrten Investitionen deutscher Industrieunternehmen in den östlichen Nachbarländern. In Fachkreisen als „nearshoring“ bezeichnet – und für Unternehmen von wachsender Bedeutung in unsicheren geopolitischen Zeiten, wie wiederum KPMG herausstellt.
Zwei Gutachten – zwei Konkurrenten
Dieses Unternehmen war mitverantwortlich für die Umfrage. Die andere Studie erstellte Strategy&, ein Beratungsunternehmen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. Beide Firmen gehören zu den weltweit größten in ihrer Branche.
Bleibt für Entscheider in den Chefetagen nun jedoch die Frage: In Mittel- und Osteuropa investieren oder nicht – welches Gutachten der beiden direkten Konkurrenten hilft wirklich weiter?
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