Einem Gipsbein aus Böhmen verdankt Thomas Gottschalk „gewissermaßen seine Existenz.“ So urteilte sein Biograph Gerd Heidenreich – mit einem Augenzwinkern. Kürzlich hat Gottschalk seinen Rücktritt aus dem Show-Geschäft bekannt gegeben. Ein Grund dafür ist auch eine Krebserkrankung. Erinnerungen an ein persönliches Treffen zu Beginn seiner großen Karriere, das die „Prager Zeitung“ zu seinem 70. Geburtstag am 17. Mai 2020 publizierte.
Das erwähnte Gipsbein trug Gottschalks Vater Hans. Er war zu Kriegsende im Hotel Richmond in Karlsbad stationiert. Dort traf er seine Frau auf der Flucht wieder. Beide heirateten kirchlich. Zeit für Flitterwochen blieb jedoch ihnen nicht, wie Heidenreich notierte.
Schwejksche List
Stattdessen wollte die junge Familie möglichst rasch aus der Kurstadt fliehen. Dafür wendete Gottschalks Mutter Rutila laut Heidenreich „eine schwejksche List“ an: Sie packte das gesunde Bein ihres Mannes in Gips – nur deshalb nahm ihn der letzte Verwundetentransport noch mit, der Karlsbad verließ.
Zuvor fuhr Hans Gottschalk gerne Ski in der Hohen Tatra, die zur Slowakei wie Polen gehört. Und ebenso im Riesengebirge an der Grenze zwischen Tschechien und Niederschlesien. Während des Krieges hatte er als Offizier in der Sanitätsverwaltung eine Reihe von Lazaretten zu prüfen. Von Berlin bis Olmütz.
Thomas Gottschalks familiäre Wurzeln liegen im östlichen Europa: Seine Eltern kamen aus dem polnisch-mährischen Grenzgebiet.Vater Hans wurde im niederschlesischen Dorf Kaulwitz geboren, seine Mutter Rutila in Groschowitz bei Oppeln. Ihre Großeltern betrieben ein beliebtes Ausflugslokal am Stadtrand von Ratibor, neben dem mährischen Ostrava heute Hauptort der Euroregion Silesia.
Familienwurzeln im östlichen Europa
Er habe sich nur deshalb „einen riesigen Atlas“ gekauft, um die Dörfer seiner Eltern zu finden, schrieb Thomas Gottschalk in seiner Autobiografie „Herbstblond“. Denn „ich verstand mich nicht nur als Schlesier, sondern ich verstand auch Schlesisch.“
In seiner „schlesischen Sippschaft“ fühlte sich Thomas Gottschalk nach eigenem Bekunden auch in seiner fränkischen Heimatstadt Kulmbach sehr wohl. Auf allen Fotos seiner Kindheit sehe man nur Menschen, die lachen. Er selbst lachte sowieso immer. „Grundsätzlich und überall“. Schon damals.
Gottschalk begeisterte sich früh für den nahe Ratibor geborenen Dichter Joseph von Eichendorff. Mit ihm verbinde ihn nicht nur dessen Werk „Aus dem Leben eines Taugenichts“, bekannte Gottschalk in seinen Memoiren.
Brief an Preußler
Zwar lehrte ihn sein Vater früh, auf Menschen zuzugehen, gab Gottschalk zu. Warum er aber dem in Reichenberg/Tschechoslowakei geborenen Kinderbuchautor Otfried Preußler mit sieben Jahren einen Brief schrieb, um ihm altklug für sein Kinderbuch „Der kleine Wassermann“ zu danken, sei ihm heute selber schleierhaft.
Allerdings verfasste er „den Brief im Krankenbett nach einer Mandeloperation und hatte wohl von der Strickliesel die Schnauze voll, die mir irgendeine Tante gebracht hatte.“ Dass er dort strickend im Bett lag, sei ihm „heute noch peinlich.“
Deep Purple statt Karel Gott
Thomas Gottschalk gab an, im „Zonenrandgebiet“ aufgewachsen zu sein, also in der Nähe zur einstigen deutsch-deutschen Grenze. Auch in die damalige Tschechoslowakei sei es nicht weit gewesen.
Ob er jemals dort war, in seiner Jugend oder später, hat Thomas Gottschalk nicht näher erläutert. Allerdings er trug einen Machtkampf mit einem Kollegen in einem Rundfunksender gleichsam auf dem Rücken eines Tschechen aus.
„Wenn ich mit Deep Purple ankam, parierte er mit Karel Gott“, schrieb Gottschalk in „Herbstblond.“ Was daran zweifeln lässt, dass die Lieder des Tschechen eine Leidenschaft von Gottschalk waren.

Ich habe ihn auch nicht danach gefragt, als ich ihn im März 1980 zu einem Interview treffe. Damals begann Gottschalk gerade damit, seinen ersten Ruhm zu versilbern. Und ich begegnete ihm dort, wo man einen Diskjockey am ehesten vermutet, auch wenn er vor allem aus dem Rundfunk bekannt war: In einer Diskothek.
In seiner Freizeit gab Thomas Gottschalk Autogrammstunden, ließ sich von Musikhallen einladen (und bezahlen), um das zu tun, was er im Radio tat und am besten konnte: Er legte Platten auf und gab dazu ein paar launige Sprüche. Gottschalk machte, kurz gesagt, einfach gute Laune. Das war sein Beruf. Und ist nach seinem gigantischen Erfolg bis heute wohl auch seine Berufung.
Zu Beginn seiner Karriere hatte er in den frühen 70er Jahren als sogenannter Stationssprecher beim Radio-Sender Bayern 3 den Kalenderspruch des Tages zu verlesen. Mit ihm fiel das Aufstehen morgens um halb sieben bedeutend leichter. Denn bei Gottschalk war Verlass darauf, dass er die Volksweisheit mit eigenen Erkenntnissen würzen würde. Sie waren fast immer geistreicher als der Spruch selbst.
Idol der Jugend
Ab 1977 begann dann für mich und für viele andere jeweils um 20 Uhr die Radio-Stunde schlechthin. Da leitete der „Pelican Dance“ die Sendung „Pop nach acht“ ein – einen höchst unterhaltsamen Mix aus Mainstream-Musik und Blödelei.
„Pop nach acht“ durfte auf keinen Fall verpassen, wer tagsüber nichts zu lachen hatte. Wenn plötzlich eine Schallplatte hüpfte, mutmaßte Gottschalk, dass ein Popel auf dem Plattenspieler dafür verantwortlich sein müsse. Dann war der Tag doch noch gewonnen.
Als ich am späten Abend in der Diskothek mit ihm spreche, kommt seine Karriere gerade ins Rollen. Die vielen Millionen für seine Gummibärchen-Werbung liegen noch in weiter Ferne, ebenso die fetten Honorare von Burgerbratern und Logistikern.
Meister des Understatements
„Was habe ich denn schon zu bieten?“, merkt Thomas Gottschalk gleich zu Beginn unseres Gespräches an, „ich bin weder Bauchtänzer noch Feuerschlucker, sondern stell‘ mich einfach hin und rede mit den Leuten.“ Schon damals Understatement, mit dem er in den nächsten Jahren immer wieder kokettieren wird.
In Wirklichkeit tobt seinetwegen schon jetzt nebenan der Bär. Die Diskothek ist massiv überfüllt. Auch deshalb, weil Gottschalk wenige Tage zuvor erstmals im Hauptabendprogramm der ARD auftrat. Als Showmaster der „Telespiele“, eine Art elektronisches Pingpong. Seine berufliche Zukunft erscheint golden wie nie.
Das ZDF soll schon eine große Unterhaltungsshow für ihn in der Schublade liegen haben, greife ich ein Gerücht auf. „Ich mache jetzt meine Telespiele“, wiegelt Gottschalk ab, „sollte mir das ZDF in einigen Jahren eine Show anbieten, wäre dies eher zu überlegen.“
Doch schon bald folgt tatsächlich „Na sowas“ im Zweiten. Eine Live-Sendung, in der Gottschalk nach Herzenslust eine Dreiviertelstunde lang improvisieren darf – gleichsam seine Warmlaufrunde für die große Aufgabe „Wetten, dass…“
Treff kurz vor Mitternacht
Als ich den Treff vorbereitete, versprach mir der Diskotheken-Betreiber ein „ruhiges Plätzchen für ein ungestörtes Gespräch.“ Er wies mir ein Hinterzimmer zu, das eng war und einer Abstellkammer glich, mit allen möglichen Utensilien an Wänden und Boden.
Unser Interview findet gegen 23 Uhr statt. Wir sitzen auf unbequemen Stühlen. Die karge Kulisse widerspricht komplett dem Vorurteil, dass Interviews mit Prominenten immer in einem fürstlichen Ambiente, bei köstlichem Essen und ausgesuchten Weinen geführt werden. Fortlaufend stürzt jemand zur Tür herein, weil er von Gottschalk irgendetwas wissen will, ein Autogramm wünscht oder sonst ein Anliegen hat.
Über meine Fragen an Thomas Gottschalk brauchte ich nicht lange nachzudenken. Denn er prägte meine pubertären Jahre wie die Musik von Foreigner oder Carlos Santana. Seine langen Haare waren Vorbild, sie blieben nicht nur für ihn ein Markenzeichen. Denn sie waren nie Mode, sondern immer auch Ideologie, zumindest für mich.
Seine direkte Sprache traf in Herz und Seele. Zum Beispiel, wenn er sich über die oberen Zehntausend mokierte, die mit Pomp und Gloria zu den Bayreuther Festspielen einmarschierten. „Hoffentlich verläuft sich keiner auf dem roten Teppich“, lästerte er.
Selbst Teil der Elite
Das war der respektlose Schnodderton, den nicht nur ich so an ihm schätzte. Deshalb irritierte mich sehr, dass er selbst Jahre später gemeinsam mit jenen oberen Zehntausend gestriegelt und gebügelt den Grünen Hügel eroberte. Da hofften seine Fans aus den Anfangsjahren noch, dass er bald wieder den richtigen Weg abseits des roten Teppichs finden würde…
Gottschalk wurde durch „Pop nach acht“ brutal populär. Sie brachte ihm den Durchbruch als Entertainer, das wird er später ebenso sehen. Daneben belebte er noch eine Reihe weiterer Musiksendungen in Funk und Fernsehen.
„Gut informiert“, lobt Gottschalk, als ich seine Sendungen allesamt aufzähle. Wobei dies so klingt, als ob er weder sich noch mich oder sonst etwas wichtig nehmen würde. Nur auf eines legt er fortlaufend Wert. „Ich bin kein Star“, behauptet er immer wieder, „ich bin im Fernsehen so, wie ich auch sonst bin, und ich bin im Radio so, wie ich auch sonst bin.“
Alles reiner Zufall?
Einer, der eigentlich Englisch-Lehrer ist und nun plötzlich im Hörfunk solch einen Riesenerfolg hat – wie passt das zusammen? „Ich habe das Studium nur neben meiner Arbeit im Sender betrieben, um auf zwei Beinen stehen zu können, wenn im Radio etwas schiefgelaufen wäre“, erklärt er. Und selbst bei dieser Frage lässt er unterschwellig einfließen, dass es nie seine Absicht sei, der große Zampano zu werden.
„Das war ja nie richtige Arbeit für mich“, wird er später auch seinem Biographen Gerd Heidenreich in den Block diktieren, „ich hatte meine Platten, keinen Plan dafür, aber Hauptsache, ich war Herr über das Mikrophon.“ Also ein Mann völlig ohne Ehrgeiz?
Als Nachrichtensprecher verschenkt
Neben seiner Arbeit im Radio verlas Gottschalk damals auch und ganz nüchtern die Nachrichten des Tages im Bayerischen Fernsehen. Was auf Zuschauer, die ihn aus dem Radio kannten, immer ausgesprochen seltsam und zwanghaft wirkte. Von „Thommy“ blieb im TV lediglich ein blasser und gehemmt wirkender Sprecher. Nein, Gottschalk und seriöse Meldungen aus Politik und Wirtschaft: Das war nicht wirklich in Einklang zu bringen.
Als ich diese Nachrichtensendungen sah, wartete ich immer darauf, dass er jeden Moment seine persönlichen Anmerkungen zu den Weltereignissen anbringen würde. Etwa so: „Der US-Präsident traf gestern den Generalsekretär der Sowjetunion – hätte er mal lieber John Lennon getroffen, dann hätte er mehr über den Frieden auf der Welt erfahren.“
Medienpräsenz noch ausgebaut
Deutlich glaubwürdiger kommt er deshalb in seinen Musikprogrammen daher. Also in „Szene 76“ in der ARD oder in „PopStop“ im Bayerischen Fernsehen. Erst Radio, nun verstärkt Fernsehen – ob er nicht langsam Angst habe, mit diesen vielen Auftritten seine Spontaneität zu verlieren und verheizt zu werden, frage ich ihn. Also, sein Kapital zu verlieren.
Ich ahne in diesem Moment nicht im geringsten, wie stark Gottschalk seine Medienpräsenz in den nächsten Jahren noch ausbauen wird. „Ich hab‘ keine Bedenken, dass mir eines Tages nichts mehr einfällt“, wischt er auch prompt meinen Einwand vom Tisch.
Schlimmstenfalls könne passieren, dass die Leute eines Tages sagen: Den Gottschalk kann ich nicht mehr sehen. Er wiegt den Kopf. „Ich hoffe allerdings, dass dieser Punkt möglichst fern liegt…“
Der neue Kulenkampff?
Boulevardzeitungen feiern ihn in diesen Tagen schon als neuen Meister der Unterhaltungsbranche. Gar als legitimen Nachfolger von Legenden wie Hans-Joachim Kulenkampff und Rudi Carrell. Gottschalk bleibt in unserem Gespräch bei seiner Linie. „Mein Gott, ich bin ein Typ, der nur Radio machen wollte, ich habe doch nie damit gerechnet, dass ich so populär werde“, schiebt er erneut nach.
Und: „Ich habe immer das Gefühl, dass Leute mich verschaukeln wollen, wenn sie sich von mir ein Autogramm geben lassen.“ Thommy, der nette Mensch von nebenan? Nur mit höchstens etwas mehr Talent für markige Sprüche – das bleibt seine Botschaft dieses Abends. Der einstige Ministrant wiederholt sie wie eine Litanei.
Was nehme ich als Überschrift für das Interview? Vielleicht: „Ich will kein Star sein?“, frage ich ihn. Gottschalk denkt kurz nach. „Es ist ein interessantes Phänomen, dass jemand, der normal ist, damit auch noch Erfolg hat“, antwortet er. Sein Vorschlag: „Schreib doch einfach als Titel: Ich hab‘ Erfolg, weil ich normal geblieben bin.“
Infos aus dem Show-Business
Manchmal eilt er kurz aus dem Raum, um draußen neue Platten für die jungen Gäste der Diskothek aufzulegen. Oder für ein paar lässige Anmerkungen ans tanzende Volk. In diesen Momenten setzt sich ein Mann mit langen Haaren zu mir und gibt sich als Gottschalks Manager zu erkennen.
Wir unterhalten uns eine Weile. „Wenn Biolek jetzt Thomas einlädt, dann erwartet der natürlich auch, dass Thomas ihn bei nächster Gelegenheit einlädt“, plaudert er nach Mitternacht erstaunlich freimütig aus dem Innern der Showbranche. Irgendwann macht er ein Erinnerungsfoto von Gottschalk und mir.
Der neue Kulenkampff!
Thomas Gottschalk war bei unserem Treffen noch nicht mal 30 Jahre alt. Knapp ein Jahrzehnt später wird er mit „Wetten, dass…“ Europas erfolgreichste Show moderieren und zu einem der größten Entertainer in Deutschland aufsteigen, mit nicht selten bis zu 20 Millionen Zuschauern vor den Bildschirmen.
Gottschalk wird ein Star – ob er will oder nicht. Mehr noch: Er wird zu „einer Ware“, zu einem „Stück Glotze“, wie er zwölf Jahre nach unserem Treffen gegenüber der „Abendzeitung“ klagen wird. Diesem Fluch kann er sich nur durch Flucht entziehen, 1984 für ein Jahr nach London, 1997 dann dauerhaft nach Kalifornien.
Journalistischer Knüller
Der Manager findet mich sympathisch. Er lädt mich am frühen Morgen zu einer Party in Gottschalks Hotel ein. Ich gehe nicht hin, weil ich vermute, dass die Fete ausfällt. Denn laufend wird Gottschalk von fremden Mädchen darum gebeten, sie nach Hause zu bringen. Manche flehen ihn geradezu an. Wahrscheinlich jene, die zuvor seinen Fortsetzungsroman „Der Sprung ins lila Himmelbett“ in der Jugendzeitschrift „Bravo“ gelesen hatten.
Als Thomas Gottschalk wieder einmal von Fans abgelenkt wird, verrät mir sein Manager plötzlich ein Geheimnis. „Thomas bleibt nicht mehr lange beim Bayerischen Rundfunk, er wechselt bald zu RTL“, steckt er mir zu.
Tatsächlich wird Gottschalk ein paar Monate später sein Erfolgsformat „Pop nach acht“ aufgeben und stattdessen die sonntägliche Hitparade beim Luxemburger Sender präsentieren. Die nächste Stufe auf seiner Karriereleiter, obwohl er doch ohne Plan und Ambitionen war. Angeblich…
Am 18. Mai feiert Thomas Gottschalk seinen 70. Geburtstag. Er hat sich rar gemacht, im Fernsehen wie im Radio. Ist seine Zeit endgültig vorüber? In diesen Corona-Tagen möchte man daran zweifeln. Gerade jetzt könnten viele seine launige Art sehr gut brauchen.
Titelfoto: KI-generiert