Späte Gegentore – im Fußball ein ewiges Ärgernis. Treffer in der Schlussphase sind in dieser Spielzeit auch ein großes Problem für den FC Schweinfurt 05 in Deutschlands dritter Liga. Kein Schwein am (Spiel-)Ende, selbst das erst zu Saisonbeginn eingeführte Maskottchen „Schnüdi“ (Foto oben) bringt den Schnüdeln augenscheinlich kein Glück.
Schweinfurts neuer Trainer Jermaine Jones hat damit gleichfalls unliebsame Erfahrungen gesammelt. Das war schon in seiner Karriere als Profi so. Und setzt sich jetzt bei den Grün-Weißen augenscheinlich fort.

Einmal hätte Jermaine Jones fast gegen Tschechien gespielt, Anfang September 2014 war das, als die von Jürgen Klinsmann betreuten US-Boys in Prag aufschlugen und dort ein Testspiel mit 1:0 gewannen.
Doch Jones, der in seiner Laufbahn von oft monatelangen Verletzungen geplagt wurde, stand damals nicht im Kader der USA.

Anders als ein paar Wochen zuvor. Während der WM 2014 in Brasilien erzielte Jones im Gruppenspiel gegen Portugal ein sehenswertes Tor für die Amerikaner. Doch ein sehr später Treffer zum 2:2 (in der fünften Minute der Nachspielzeit) verhinderte den vorzeitigen Achtelfinaleinzug seiner Elf und bewahrte Portugal um Cristiano Ronaldo (zunächst) vor dem k.o..
Dennoch erreichten Jones und die US-Auswahl das Achtelfinale. Dort verloren sie aber mit 1:2 gegen Belgien. Beide Gegentreffer fielen – erst in der Verlängerung: 93. und 105. Spielminute.

Als defensiver Mittelfeldspieler stand Jermaine Jones oft im Brennpunkt, um einen Vorsprung in den Schlussminuten über die Zeit zu bringen oder eine Partie nicht noch kurz vor Abpfiff zu verlieren. Bei seinen Klubs mit den wichtigsten Stationen Schalke 04 (2007 bis 2014) und Eintracht Frankfurt (2000 bis 2004 und 2005 bis 2007). Aber auch in mehr als 70 Länderspielen.
Jones bestritt 2008 drei Partien für Deutschland, zählte auch zum vorläufigen Aufgebot für die EM 2008, wurde aber von Bundestrainer Joachim Löw aus dem endgültigen Kader gestrichen. Danach spielte er für die USA, doch ein später Gegentreffer verdarb bereits seinen Premierensieg: Polen glich eine Viertelstunde vor Abpfiff zum 2:2 aus.

Jermain Jones, als Sohn einer deutschen Mutter und eines US-Soldaten geboren und in einem Frankfurter Brennpunktviertel aufgewachsen, schuf sich während seiner Karriere einen besonderen Ruf. Aufgrund seiner aggressiven Spielweise und knallharten Zweikämpfe am Rande der Legalität. Aber auch durch seine große Entschlossenheit, keinen Ball verloren zu geben.
Seine Auftritte erklärte Jones selbst auf seiner Internetseite, wie die Rheinische Post im Jahr 2011 berichtete. „Geprägt ist Jermaines Spiel durch die härteste Fußballschule überhaupt: Die Straße“, sei dort zu lesen. Unter seinen zahlreichen Tätowierungen befinde sich auch der Satz: „Was dich nicht umbringt, macht dich härter“.
Jermaine Jones kultivierte sein Image als „Bad Boy“. Seine Spielweise setzte gleichwohl Kraft und Kondition voraus. Wohl auch deshalb beklagt er seit seinem Amtsantritt vor zwei Wochen als Trainer beim FC Schweinfurt 05 die mangelnde Fitness seiner Mannschaft.
Ab der 60. Minute: Zittern!
Tatsächlich belegen die Ergebnisse der Schnüdel seit Saisonbeginn: Würden ihre Spiele immer schon nach einer Stunde abgepfiffen, dann müssten die Nullfünfer nicht die rote Laterne in der dritten Liga mit weitem Abstand aufs rettende Ufer (Platz 16) tragen.
Auch die eigenen Fans haben längst erkannt, dass Begegnungen ihrer Elf ab der 60. Minute zu Zitterpartien werden. Weshalb es in der letzten Heimpartie gegen den 1. FC Saarbrücken genau zu diesem Zeitpunkt hörbar ruhiger im Sachs-Stadion wurde.

Anhänger der Saarländer hatten den Support für ihre Mannschaft schon nach der Halbzeit „wegen Arbeitsverweigerung“ eingestellt. Trotzdem gab der FC 05 eine 2:0-Führung erneut in den Schlussminuten aus der Hand, diesmal durch Gegentore in der 87. und 95. Minute.
Wieder zwei Punkte verschenkt. Wie zuvor im Heimspiel gegen den FC Ingolstadt (1;1, Gegentreffer 68. Minute). Gar drei Punkte waren zu Hause gegen den SC Verl möglich, doch den knappen Vorsprung machten Treffer der Gäste in der 78. und 88. Minute zunichte.
Seit dem ersten Spieltag
Die Serie mit späten Gegentoren begann bereits am 1. Spieltag: 0:2 bei Viktoria Köln, Tore 61. und 71. Minute. Besonders dramatisch verlief die erste Heimpartie gegen Energie Cottbus: 0:2 durch Gegentreffer in der 96. und 98. Minute. Auch das zweite Heimspiel entschied der Gast aus Wiesbaden erst in der 94. Minute mit dem 1:0 für sich.
Nicht nur in diesen Partien waren die Schweinfurter zumindest einem Zähler ganz nah. Bei Rot-Weiß Essen fiel das 1:2 erst in der 70. Minute, bei Hansa Rostock beide Tore zum 0:2 in der 78. und 94. Minute, gegen Mitaufsteiger Havelse ging die Partie in der 77. Minute mit 2:3 verloren.
Gegen Waldhof Mannheim kassierten die Schnüdel den k.o.-Treffer zum 2:3 in der 83. Minute, in Wiesbaden besiegelten zwei Tore in der 88. und 90. Spielminute die Niederlage. Gegen den VfL Osnabrück musste die Elf das 0:2 in der 77. Minute hinnehmen, kam aber durch die Zuschauer nach vorne gepeitscht – ausnahmsweise – noch auf 1:2 heran.
14 Punkte mehr möglich
Macht unterm Strich: Wenn immer schon nach 60 Minuten Schluss wäre, hätte der FC 05 mindestens 14 Punkte mehr auf seinem Konto. Genug, um aus eigener Kraft Platz 17 zu belegen – nur drei Punkte hinter dem rettenden Ufer.
Selbst bei deutlichen Klatschen hielt die Elf aus der Kugellagerstadt eine Stunde lang mit: 0:3 bei Jahn Regensburg, zwei Treffer in der 62. und 74. Minute. 0:3 gegen den MSV Duisburg, zwei Treffer in der 61. und 74. Minute. 0:3 bei VfB Stuttgart II, zwei Treffer in der 56. und 73. Minute (jeweils Elfmeter). 1:5 gegen Alemannia Aachen, drei Treffer in der 64., 66. und 82. Minute. 1:5 beim SSV Ulm, drei Treffer in der 72., 77. und 84. Minute.

Woran liegt’s: Mangelnde Konzentration, zu wenig Kraft, keine Kondition mehr zum Spielende? Er habe „vom ersten Tag an im Training gemerkt, dass Fitness fehlt“, sagt Neu-Trainer Jones. Doch seine Spieler arbeiten gut. „Die Vorwürfe müssen woanders gesucht werden“. Ein deutlicher Fingerzeig von Jones an das frühere Trainerteam unter Victor Kleinhenz.
Dass sich seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit gegen Saarbrücken immer tiefer in die eigene Hälfte fallen ließ, am Ende sogar um den eigenen Strafraum versammelte, sei „nicht mit Absicht erfolgt, sondern weil die Fitness nicht da“ war.
Nun haben die Nullfünfer ihren Fitnesstrainer gewechselt. Nur noch zwölf Spieltage bis Saisonende – nicht viel zu wenig, um auf ein höheres Fitnesslevel zu kommen? „Man kann nur versuchen, verschiedene Übungen in die Trainingseinheiten einzubauen, zum Beispiel in der Länderspielpause im März“, erklärt Jermaine Jones, „man darf es damit aber auch nicht übertreiben.“

Als Ausweg bleibe ihm nur der Appell an die Mentalität und den Willen der Spieler, „mit Leidenschaft“ über die Schmerzgrenze zu gehen. „Ich hätte hier gerne mehr Vorbereitungszeit als Trainer gehabt“, schiebt Jones am Ende der Pressekonferenz noch nach. Mit einem leichten Anflug von Resignation.