Späte Gegentore – im Fußball ein ewiges Ärgernis. Fester Bestandteil auch der Länderspiel-Historie zwischen Deutschen und Tschechen. Wie unser Rückblick auf Partien der beiden Nationen in den letzten 90 Jahren belegt. Späte Niederlagen musste die tschechische Mannschaft aber auch jüngst mehrfach verkraften. Nämlich beim letzten großen Fußball-Turnier, der EM 2024.

Damals erzielte Portugal im ersten Gruppenspiel den Siegtreffer zum 2:1 gegen die tschechische Elf in der 92. Minute. Ein paar Tage später kassierte sie im entscheidenden letzten Gruppenspiel das entscheidende Gegentor zum 1:2 in der 94. Minute. Weshalb die Tschechen nach Hause fahren mussten.

Die dramatischen EM-Endspiele

Bei dieser EM in Deutschland trafen der Gastgeber und Tschechien zwar nicht aufeinander. Doch späte Tore kennzeichneten viele Spiele der Tschechen gegen die deutsche Nationalelf. Allen voran die großen EM-Finals.

Vor genau 50 Jahren, im Sommer 1976, hatte die Tschechoslowakei den Titel nach einer 2:0-Führung scheinbar schon in der Tasche. Doch Bernd Hölzenbein erzwang für die deutsche Elf durch einen Kopfball in sprichwörtlich letzter Sekunde noch eine Verlängerung.

„Wobei der gegnerische Torwart bei meinem Treffer auch etwas gepennt hat“, bemerkte der Frankfurter in einem Exklusiv-Interview mit der „Prager Zeitung“ im Februar 2016 – mit Hinweis auf Ivo Viktor, den (ansonsten) grandiosen Keeper der Tschechoslowaken.

Und „wer so viel Glück hatte wie wir und noch in die Verlängerung kam, der denkt automatisch, dass nun eigentlich nichts mehr schiefgehen kann“, schob der Weltmeister von 1974 nach. Doch nach seiner Einschätzung bemühte sich die deutsche Elf anschließend „nicht energisch genug um den Sieg“. Manchmal denke er, dass „wir es ein bisschen auslaufen ließen“, so Bernd Hölzenbein, der im April 2024 verstorben ist.

In einem spektakulären Elfmeterschießen behielt die ČSSR anschließend mit 5:3 die Oberhand. Entschieden wurde das Duell durch den „Panenka“, der in dieser Nacht seinen Siegeszug um die Fußball-Welt antrat. Dabei lupfte Antonín Panenka den Ball nur leicht an und hob ihn lässig über Torhüter Sepp Maier in die Mitte des deutschen Tores.

Dieser geniale Einfall des Tschechen brachte Bernd Hölzenbein noch 40 Jahre später auf die Palme. „Das war eine Frechheit!“, schimpfte er, „heute sieht man es ja öfter, dass ein Elfmeter so verwandelt wird. Aber zu der damaligen Zeit war das hammerhart. Wir wurden richtig blamiert.“

Panenkas Lupfer war vor allem auch ein Ärgernis für den deutschen Keeper Maier. „Manchmal wird ja geflachst, wenn man in einer Runde zusammensitzt. Und der Sepp ärgert sich tatsächlich noch heute darüber“, verriet Hölzenbein damals.

Der Torhüter des FC Bayern München widersprach (halbherzig) in einem Gespräch mit der „Prager Zeitung“ fünf Jahre danach, zur EM 2021. „Panenka erzählte mir später, dass er seine Elfmeter immer so schoss, quasi bei jedem Meisterschaftsspiel in der nationalen Liga. Das war also nichts Neues – aber wir wussten es nicht.“

Denn bei der Besprechung vor dem Endspiel habe Bundestrainer Helmut Schön „lediglich zehn Minuten lang ein Video vorgeführt, mit ein paar Spielszenen und Toren. Daher wusste ich auch nicht, wie Panenka seinen Elfmeter schießen würde“, erinnerte sich Maier im Juni 2021.

Böse sei er deshalb aber nicht auf die Legende von Bohemians Prag. „Wir trafen uns einmal auf Einladung der Deutschen Botschaft in Prag und hatten eine richtige Gaudi, wie man auf bayerisch sagt. Damals sagte er mir, ich soll mich nicht ärgern, es gebe auch etliche andere, die er auf diese Weise verladen habe“, blickte der Torhüter zurück, der mit der deutschen Elf Weltmeister (1974) und Europameister (1972) wurde.

Um dann doch noch nachzulegen, dass er im Penaltyschießen von 1976 „bei den Elfmetern von den Tschechen auch viel Pech“ hatte. Denn „ich war bei jedem Elfer im richtigen Eck. Bis auf den von Panenka, diese linke Bazille…“

Umgekehrt lief es vor genau 30 Jahren, im Sommer 1996. Wieder führten die Tschechen (mit 1:0), wieder glichen die Deutschen aus und brachten die Partie in die Verlängerung. Dort gewannen aber sie, durch ein Tor von Oliver Bierhoff in der 95. Minute.

Der Siegtorschütze wunderte sich selbst 20 Jahre nach dem EM-Finale noch ein wenig über sich selbst. „Ich weiß noch, wie überdreht ich damals auf dem Rasen war, völlig hyperemotional, ich konnte nichts mehr aufnehmen“, sagte Bierhoff in einem Interview mit der „Prager Zeitung“ im Oktober 2016.

Und diese Erfahrung habe ihn bis zur (erfolgreichen) Weltmeisterschaft in Brasilien begleitet. „Ich nahm mir als Manager der Mannschaft bei der WM 2014 vor, all die emotionalen Eindrücke bei einem solchen Turnier bewusst aufzusaugen und für immer abzuspeichern“, erklärte er. „Und das ist mir auch ganz gut gelungen.“

Golden Goal – Gurkentor?

Die Partie wurde durch ein sogenanntes „Golden Goal“ entschieden, nach dem das Spiel sofort beendet wurde. Bierhoff zeigte sich dankbar für seinen Treffer. „Wenn Sie heute einen Fußballfan nach dem EM-Finale von 1996 fragen, wird der wahrscheinlich direkt an mein „Golden Goal“ denken“, bemerkte er.

Und es sei „doch etwas Wunderschönes, dass sich so viele Menschen über Jahrzehnte an einen Moment der eigenen Karriere erinnern. Dass man mit einer sportlichen Leistung etwas Bleibendes geleistet hat, und dass die Leute sich bis heute freuen, wenn sie sich an diesen Moment zurückerinnern.“

Weniger euphorisch urteilte fünf Jahre später freilich Sepp Maier darüber. Ein „Gurkentor“ von Bierhoff habe dieses Endspiel entschieden, so Maier gegenüber der PZ. Er zeigte Mitleid mit dem gegnerischen Torwart Petr Kouba, dem Freund und Gegner bis heute das entscheidende Tor anlasten.

„Kouba spielte während der gesamten EM in England gut, sonst wäre Tschechien nie ins Endspiel gekommen“, führte Maier aus. „Dann passierte ihm ein Fehler, der durchaus passieren kann. Dass daraufhin sofort Schluss war, habe ich als sowas von ungerecht empfunden.“

Denn „den Fehler konnten die Tschechen nicht mehr ausbügeln. Und wir waren zwar Europameister, konnten uns unter diesen Umständen aus meiner Sicht darüber aber nicht richtig freuen“, meinte der Kult-Keeper, der als Trainer der deutschen Torhüter bei dieser EM dabei war.

„Wenn der Gegner auf einen Fehler nicht mehr reagieren kann und man deshalb einen Titel gewinnt, dann hat das mit Sport nichts mehr zu tun“, zeigte sich Sepp Maier unzufrieden mit der Uefa, die diese Entscheidungsfindung eingeführt hatte – und ein paar Jahre später wieder abschaffte.

Knapp schon bei der WM 1934

Knapp war’s zwischen beiden Ländern schon 1934. Im WM-Halbfinale stellte Oldřich Nejedlý mit seinem dritten Treffer zum 3:1 den Finaleinzug für die Tschechoslowakei erst in der 80. Minute sicher.

Begünstigt wurden seine Tore allerdings durch „mehrere Fehler des Torwarts Willibald Kreß“, wie Almanache zur Geschichte der deutschen Nationalmannschaft anmerken. Weshalb der Keeper des Dresdner SC nach diesem Halbfinale keine weiteren Einsätze mehr in der DFB-Auswahl absolvieren durfte und seine Kariere dort nach 16 Länderspielen endete.

Vor allem auch wegen seiner drei Treffer gegen Deutschland wurde Oldřich Nejedlý Torschützenkönig bei dieser Weltmeisterschaft in Italien. Seine Elf errang trotz des Wundertorhüters František Plánička jedoch nur den Vize-Titel. Im Finale gegen den Gastgeber fiel das Siegtor zum 2:1 für Italien in der Verlängerung. 95. Minute…   

Immer wieder: April-Blues

Späte Treffer bestimmten auch WM-Qualifikationsspiele. Mitte November 1985 glich Karl-Heinz Rummenigge in München erst in der 86. Minute zum 2:2-Unentschieden für den späteren Vize-Weltmeister aus. Im September 2017 siegte Deutschland mit 2:1 in Prag durch ein Tor von Mats Hummels in der 88. Minute.  

Selbst Testspiele wurden nicht selten knapp vor Schluss entschieden. Vor allem Begegnungen im April. So 1958, als der slowakische Stürmer Pavol Molnár das 3:2 für die ČSSR in der 80. Minute erzielte. Oder 1964, als Adolf Scherer die Tschechoslowaken in der 86. Minute mit 4:2 in Führung brachte, aber Uwe Seeler das Spiel durch einen Treffer in der 89. Minute nochmals spannend machte. Und erneut 1982, als Paul Breitner das 2:1 in der 88. Minute schoss.

In 26 Duellen zwischen Deutschland und Tschechien bzw. der Tschechoslowakei siegten die Deutschen in 17 Spielen und die Tschechen in sechs Partien, dazu gab’s drei Remis. Auch Anfang Juni 2000 gewann Deutschland ein Testspiel kurz vor der EM knapp mit 3:2. Wieder erzielte „Tschechen-Schreck“ Oliver Bierhoff das letzte Tor. Diesmal zwar in der regulären Spielzeit – jedoch erst in der 90. Minute.