Beinahe wäre der große Pavel Nedvěd beim kleinen MSV Duisburg gelandet. Der Klub ist der nächste Gegner, den Fans des FC 05 Schweinfurt im Public Viewing sehen können. Zwar werden sie dann keinen Nedvěd erleben, dafür aber den neuen Trainer der Nullfünfer. Gemeinsames Fußball-Gucken bieten die Schweinfurter erstmals in der Vereinsgeschichte für ihre Auswärtsspiele an.
Ältere Fans des MSV Duisburg erinnern sich noch heute mit Wehmut daran, dass ihr Klub vor genau 30 Jahren die Verpflichtung von Pavel Nedvěd um ein Haar verpasste – bevor der Tscheche zum Weltstar wurde.
Und das kam so: Duisburg stieg zur Saison 1996/97 in die Bundesliga auf und wollte dafür Nedvěd verpflichten. Die „Zebras“ befanden sich schon „in fortgeschrittenen Verhandlungen“ mit ihm, wie Spox im August 2021 rückblickend berichtete. Doch kurz vor dem Transfer spielte der damals 23-Jährige auf Zeit und vertröstete die Duisburger mit dem Hinweis, er wolle zuvor noch die EM in England spielen.
Rom – nicht Duisburg
Dort trumpfte Nedvěd, der in Cheb nahe der deutschen Grenze geboren wurde, groß auf und verlor mit seiner Nationalelf erst im Finale knapp gegen die Deutschen. Was seinen Marktwert enorm erhöhte. Folglich war der MSV nicht mehr seine Liga.
Pavel Nedvěd wechselte stattdessen im Sommer 1996 von Sparta Prag nach Italien zu Lazio Rom. Und danach zu Juventus Turin, wo seine Karriere mit der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres 2003 gekrönt wurde.
Gedanken an Spieler von seinem Format sind beim MSV, unter dem Namen Meidericher SV einst Gründungsmitglied der Bundesliga und in der ersten Saison 1963/64 gleich Vizemeister, längst passé. Stattdessen ist Duisburg gerade erst wieder in die dritte Liga aufgestiegen. Wie auch der FC 05 Schweinfurt.
Im Gegensatz zu den abgeschlagenen Schnüdeln hat Duisburg als Tabellendritter aber noch Chancen auf einen Durchmarsch in die Zweite Bundesliga. Sogar nach der 1:6-Klatsche am letzten Spieltag in Wiesbaden.

Wenn der FC 05 am Samstag an der Wedau antritt, werden wieder mehrere Dutzend Fans zum Public Viewing ins Sachs-Stadion kommen – und wie immer auf Punktgewinn(e) für die Schnüdel hoffen. Auch wenn der Blick auf die Tabelle bei 20 Niederlagen, drei Siegen und einer Tordifferenz von minus 36 ernüchternd bleibt.
Doch bei diesem Spiel sitzt mit Jermaine Jones ein neuer Trainer auf der Schweinfurter Bank. Nach dem so überraschenden Trainerwechsel, bei dem Aufstiegscoach Victor Kleinhenz am Faschingsdienstag entlassen wurde. Ex-Nationalspieler Jones kündigte vorab an, seinem Team mehr Leistung abzuverlangen und mangelnde Fitness zu beseitigen.
Dass ihm noch ein Wunder gelingt und seine Spieler 17 Punkte Rückstand auf den rettenden Platz (16) in nur noch 14 Saisonspielen aufholen, glauben nicht einmal mehr eingefleischte Fans. Nicht wenige von ihnen verfolgen seit Anfang Oktober zu Hause die Auswärtsspiele der Grün-Weißen.
Treffpunkt dafür ist der Business Club auf dem Stadiongelände. „Jedes Spiel ein Heimspiel“, so das Motto für die Gemeinschaftsveranstaltung. „Wir wollen damit einen Anlaufpunkt für Fans schaffen, wie es früher Gastwirtschaften waren“, erklärt Steven St. Onge, beim FC 05 für den VIP-Bereich verantwortlich.
Tradition wiederbelebt
Tatsächlich waren viele Anhänger der Schnüdel schon bei ihren Spielen in den 1930er und 1950er Jahren an Radiogeräten in Gasthäusern dabei. Ebenso bei den Aufstiegsspielen zur Bundesliga im Jahr 1966.
Public Viewing wurde in Deutschland vor allem durch die WM 2006 populär. Solch ein Angebot macht der FC 05 für Spiele der eigenen Mannschaft jedoch laut St. Onge erstmals in seiner Vereinsgeschichte.
Den Auftakt bildete die Partie in Ulm am 1. Oktober, einem Mittwoch, ab 19 Uhr. Es ging mit 1:5 verloren, trotzdem wollen seitdem jüngere wie ältere Fans regelmäßig die Nullfünfer bei ihren Gastauftritten sehen. Und sie beweisen dort Nehmerqualitäten und Humor zugleich.
„Zum Glück ist uns die letzte Viertelstunde erspart geblieben“, bemerkte ein Zuschauer, nachdem die Übertragung des Anbieters „Magenta TV“ aus Ulm am Ende zusammenbrach. „Der Fernseher hat so wenig Kondition wie die Schnüdel“, kommentierte ein anderer, leicht verbittert.
Torjubel – trotz Niederlagen
Das Angebot der Nullfünfer stößt auf konstante Resonanz. Jeweils bis zu 50 Zuschauer interessierten sich bisher für die sieben Public Viewing-Spiele. Stets gingen die Schnüdel als Verlierer vom Platz. Dabei erzielten sie gerade mal drei Tore – doch die wurden bejubelt wie ein Sieg.
„Unser Angebot wird sicher gerne von Leuten angenommen, die nicht unbedingt ins Stadion gehen, weil ihnen dort zu viel Trubel herrscht“, vermutet Steven St. Onge, „ältere Menschen zum Beispiel, die eher eine kleine Gemeinschaft und den Kontakt dort bevorzugen.“
Auch Frauen, die ansonsten dem Stadionrund weniger zugetan sind, sieht er als Zielgruppe. Und es finden „möglicherweise auch ein paar Leute spannend, mal im VIP-Bereich sitzen zu können.“ Sie dürfte erstaunen, wie lieblos der FC 05 dort seine Vereinstradition pflegt. Ein Foto der Legende Albin Kitzinger verstaubt in einer Ecke…

Allen Niederlagen zum Trotz versammelt sich vor dem großen Bildschirm ein Stammpublikum, ergänzt durch neue Fans. Oder durch Verwandte von Spielern. Einmal auch von Kickern der sehr erfolgreichen U9 von Schweinfurt 05, die sich hier zwecks Teambuilding im November trafen. Allerdings weckte das 0:2 der Schnüdel in Rostock nur begrenzte Zeit das Interesse der Nachwuchshoffnungen in ihren grünen Jacken.
Alle Besucher bilden knapp zwei Stunden lang einen anonymen Kreis, verbunden durch das gemeinsame Interesse am Fußball – und an den Nullfünfern. Womit sie sich gleichsam zu einem kleinen Stadion formieren, in dem sich Fans oft auch nicht persönlich kennen, aber auf Stehrängen und in Kurven nebeneinander die Spiele verfolgen und mitfiebern. In dieser Schnüdel-Saison jedoch als eine Leidensgemeinschaft.
Kleines Stadion
Und wie im Stadion ist auch die Stimmung im Club. Wer kommt, bringt seit Herbst die gleiche Hoffnung mit: „Heute klappt’s!“ Wenigstens ein Punkt, Menschenskind. Als Wintzheimer sich nach einer misslungen Aktion wegduckt, lästert ein Zuschauer: „So schleicht er sonst auch mit seinem Hund durch unsere Gemeinde.“
Schon im Oktober wurde im Club eifrig darüber diskutiert, ob Victor Kleinhenz noch der richtige Mann auf der Trainerbank ist. Schließlich hatte manch Anwesender die Schnüdel zu Saisonbeginn auf Platz 8 in der Endtabelle getippt…
Immer wieder gibt’s Solidarität mit den Schweinfurter Fans vor Ort. Gelächter in den Sitzreihen, als sie während des Auswärtsspiels bei VfB Stuttgart 2 in Großaspach plötzlich Songs der dort wohnenden Sängerin Andrea Berg anstimmen: „Du hast mich tausend Mal belogen“. Spaßiger Applaus, als Schweinfurter Anhänger vor Ort beim 0:4 in Aue brüllen: „Auswärtssieg.“

Mindestens 20 bis 30 Besucher erwartet St. Onge pro Spiel, damit sich der Aufwand lohnt. Doch er betont zugleich, dass der Klub damit „kein Geschäft machen, sondern die Gemeinschaft fördern will.“
Entsprechend sind seine Getränkepreise: Wasser 0,25 l für 1,50 Euro, Spezi 2,50 Euro. Die meisten Besucher nehmen ein Bier, alle Sorten 0,5 Liter für 3,50 Euro. Snacks gab’s bisher nur einmal, weil zu wenig gekauft.
Gleich neben der Theke stehen Merchandising-Produkte. Schals, Tassen, Kappen, Untersetzer, Maskottchen Schnüdi – alle ziert das Vereinswappen von Schweinfurt 05. Vor Weihnachten ein gefragtes Geschenk. „Winterschals gehen derzeit gut“, sagt St. Onge, „stärkerer Stoff als bei denen für den Sommer.“

Dass im Dezember die Partie bei 1860 München wegen einer internen Feier ausfiel, wurde vielfach bedauert. Kein Public Viewing ausgerechnet gegen die „Löwen“ – gerade darauf hatten sich viele Gäste gefreut.
Die Veranstaltungsreihe im VIP-Gebäude begann erst am 9. Spieltag mit der Partie in Ulm, weil die Erlaubnis dafür erst dann erteilt wurde. „Wir bekommen immer nur drei Spiele hintereinander genehmigt, dann müssen wir einen neuen Antrag beim Ordnungsamt der Stadt stellen“, erläutert Steven St. Onge.
Auch gegen Duisburg werden Besucher am Samstag wieder reichlich meckern. Und sich darüber aufregen, dass „immer nur Geis schießt, Fery zu langsam geworden ist, Dellinger keine Option mehr darstellt.“ Und über anderes.
Geändert hat sich jedoch das Fazit. „Wir können nur hopp oder top und kein Unentschieden“, war bisher der allgemeine Tenor nach den Spielen. Was durch das 1:1 gegen Ingolstadt am letzten Spieltag widerlegt wurde, dem ersten Remis für 05 in der dritten Liga.
Und vielleicht werden zahlreiche Besucher auch nach Duisburg feststellen, dass dieses Spiel „ein Ebenbild der gesamten Saison war: Alles gegeben, aber vorne einfach keine Qualität.“
Doch auch am Samstag stirbt ihre Hoffnung erst wieder mit dem Schlusspfiff…