Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er im Sommer bei der WM 2026 mit Argentiniens Elf den Weltmeister-Titel verteidigen. Doch schon jetzt ist klar, dass Lionel Messi als einer der besten Fußballer aller Zeiten in die Geschichte eingehen wird. Im Herbst 2011 verzauberte der Weltstar die Fans in Prag, bei einer Partie in der Champions League. Erinnerungen an einen unvergesslichen Auftritt, publiziert von der „Prager Zeitung“ genau zehn Jahre später, am 1. November 2021.

Diego Maradona machte den SSC Neapel in den 1980er Jahren zum italienischen Meister, sofort danach wurden die Toten der Stadt auf Mauern des heimischen Friedhofs mit den Worten betrauert: „Ihr wisst nicht, was ihr verpasst habt“.

Das können – schon zu Lebzeiten – auch alle jene sagen, die dessen „Ziehsohn“ Lionel Messi am 1. November 2011 in Prag spielen sahen. Denn der kleine Argentinier war bereits damals auf der Höhe seiner Spielkunst.

Messi wird in diesem Juni 39 Jahre alt, knapp zwei Wochen nachdem die Fußball-WM in Nordamerika begonnen hat. Dass er dort nicht aufläuft, erscheint unwahrscheinlich. Sofern er nicht verletzt ist. In Prag war er erst 24 Jahre alt, als er sich am 1. November 2011 in Prag durch die gegnerische Defensive dribbelte – und dennoch schon ein Phänomen.

Bereits 2009 hatte der FC Barcelona dank seiner Leistungen alles gewonnen, was überhaupt im Profifußball zu gewinnen ist: Champions League, Klub-WM, spanische Meisterschaft, Pokal und Supercup, europäischer Supercup. Sechs Titel in einer Spielzeit – bis dahin einmalig. Für Messi selbst gab es sogar noch eine siebte Trophäe: Weltfußballer des Jahres.

Von Titel zu Titel

Ein Jahr nach diesem Triumph schoss er Barca mit 34 Toren quasi allein zum spanischen Meister, sicherte sich 2010 zudem erstmals den Goldenen Schuh für den besten Torjäger Europas. Und 2011 sammelte er prompt nochmals sechs Titel: Champions League, Klub-WM, spanischer Meister, europäischer Supercup sowie zwei persönliche Ehrungen für sich als bester Spieler Europas und erneut als Weltfußballer – zum dritten Mal nacheinander, als erster Profi überhaupt.

Nach dem Finale gegen die Katalanen im Mai 2011 sagte der große und mit vielen Titel gesegnete Coach Alex Ferguson, dass er in seiner (26 Jahre währenden) Karriere nie gegen ein besseres Team gespielt habe als gegen diesen FC Barcelona. Sein Klub Manchester United verlor dieses Endspiel mit 1:3 und war damit noch gut bedient. So beeindruckend spielte Barca in jenen Jahren seine Gegner an die Wand. So überzeugend ist Leo Messi bei (fast) all seinen Auftritten.

Die Besten aller Zeiten

„Die beste Elf aller Zeiten“, schrieb der „Kicker“ folgerichtig über den FC Barcelona in seiner Vorschau auf die Europacup-Saison 2011/12. Die Elf zelebriere einen „betörend schönen Fußball“ und sei zudem auch noch erfolgreich. Wer könne sie „je aufhalten“, fragte das deutsche Fachblatt. Und Lionel Messi ist ihr sportlicher Direktor.

Wie sein Vorgänger und Vorbild Diego Maradona ist auch Messi Spielmacher und Torjäger zugleich. Den Ball immer ganz eng am Fuß – als ob er ein verlängerter großer Zeh wäre. Finesse und Finten, Tricks und Tore, so definiert sich das Spiel des Ausnahmekönners.

Messi schlängelt sich durch gegnerische Abwehrbeine wie ein Skiläufer durch Slalomstangen, lupft und köpfelt, ist überall und trotzdem für seine Gegner nie zu stellen. Er demonstriert, in einem Satz, die Leichtigkeit des fußballerischen Seins. Frei nach dem Roman des Tschechen Milan Kundera.

Bei Barca ist er zudem umgeben von Spaniern, die zur gleichen Zeit mit ihrer Nationalelf das Maß aller (Fußball-)Dinge sind. Mit einer einmaligen Titelserie: WM-Sieg 2010 und EM-Triumph 2008 (später kommt noch der EM-Gewinn 2012 hinzu). Und wegen ihres fußballerischen Genies.

Wenn Messi in höchstem Tempo in Richtung gegnerisches Tor sprintet, erinnern seine kleinen schnellen Schritte an Stiche einer Nähmaschine. Doch Lionel Messi fügt nicht zusammen, er reißt auseinander. Nämlich die Abwehrreihen seiner Gegner – so auch am Abend des 1. November 2011, als der kleine Argentinier mit dem FC Barcelona zur Champions-League-Partie gegen Viktoria Pilsen aufläuft.

Gegen Pilsen in Prag

Auf den tschechischen Meister Viktoria Pilsen trifft Barca Anfang November 2011 im Prager Eden-Stadion, eigentlich die Heimstätte von Slavia Prag. Denn das Stadion in Pilsen ist nicht tauglich für Partien in der höchsten europäischen Spielklasse.

Barcelona kann sich in diesem Spiel vorzeitig den Einzug ins Achtelfinale der Champions League sichern. Dementsprechend sind fast alle Welt- und Europameister, die für Barca spielen, mit an Bord.

Lediglich Xavi machte die Reise nach Prag nicht mit. Der Spiritus Rector der Barca-Mannschaft erhielt trotz all seiner Titel und Künste nie eine persönliche Auszeichnung: Ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Deshalb prägte Xavi ein Bonmot: „Ich mache Weltfußballer.“ Messi eben!

Und der läuft in der tschechischen Metropole auf. Messi will immer, kann immer. „Wenn man ihn nicht spielen lässt, ist er stinkig“, sagte sein Trainer Pep Guardiola vorab. Auch Messis Vater bestätigte dies bei jeder Nachfrage.

Die Titelsammler Carles Puyol und Sergio Busquets stehen ebenfalls auf dem Platz. Und Cesc Fàbregas, der gegen Pilsen ein Tor schießt und sich darüber freut, als ob es sein allererstes wäre. Auch Andrés Iniesta, Schütze des spanischen Siegtreffers im WM-Finale ein Jahr zuvor, macht sich mit seinen Kollegen auf dem Platz warm, kommt allerdings nicht zum Einsatz.

Zunächst unauffällig…

Als Messi den Prager Rasen betritt, geht ein Raunen durchs Publikum. Er schlägt beim Aufwärmen nicht wie Maradona den Ball im Mittelkreis dreimal hoch in die Luft, ohne sich dabei von der Stelle zu bewegen. Messi jongliert ihn auch nicht über den Rasen, bis er seiner überdrüssig wird. Stattdessen erweist er sich zu diesem Zeitpunkt noch als normaler Teamplayer im Kreis seiner Mitspieler.

Doch mit dem Anpfiff wird sofort deutlich, wer der Superstar im Eden-Stadion ist. Überdeutlich sogar. Vor allem seinetwegen dominiert Barca. Pilsen hat kaum etwas dagegen zu setzen. Fast folgerichtig dezimieren sich die Tschechen durch einen Platzverweis schon in der 22. Minute selbst.

An jenem kühlen Herbst-Abend im November 2011 führt Messi in der tschechischen Hauptstadt den knapp 20.000 Zuschauern klar vor Augen, dass niemand auf der Welt besser Fußball spielen kann als er. Am Ende steht ein klarer 4:0-Sieg für die Katalanen auf der Anzeigetafel.

…dann dreimal Messi

Dieses Ergebnis ist jedoch nur für die Annalen wichtig. Entscheidend für die, die in der Synot Tip Aréna dabei waren, sind die drei Tore von Leo Messi. Wie früher bei Maradona sind auch seine Treffer oft Meisterwerke:

24. Minute. Messi wird von Čišovský im Strafraum von den Beinen geholt, der Slowake sieht dafür die Rote Karte. Der Gefoulte schießt den Elfmeter selbst, schiebt locker an Torhüter Pavlík zur Führung ein. Das 200. Tor von Messi für Barcelona. 1:0 für die Gäste.

45. Minute +1. Messi macht das 2:0. Nach einem Doppelpass mit Adriano im Strafraum zieht der Argentinier aus acht Metern ab, Pilsens Keeper ist ohne Chance.

90. Minute. 4:0 für Barca. Nach dem Kopfballtreffer von Cesc Fàbregas zum 3:0 vollendet Messi einen Dreierpack. Piqué bedient ihn mit der Hacke, der Argentinier umkurvt den Keeper und schiebt ein. Tor 202 von Messi. Maradona hatte mit 24 Jahren „nur“ 196 Treffer geschossen.

Das Volk auf den Stadionrängen jubelt, das Szenarium im Eden-Stadion ähnelt Brot und Spielen aus der Römerzeit. Messis Auftritt ist dermaßen überwältigend, dass die „Prager Zeitung“ die Eindrücke von ihm und diesem Spiel damals geradezu zwangsläufig in Form einer Glosse wiedergibt:

Auf Messis Schneide

Wenn der beste Fußballer der Welt zu Gast ist, machen Städte immer einen demütigen Kniefall vor ihm. Nicht so Prag. „Hej, Messi“, titelte eine Fachzeitung vor dem Champions-League-Spiel zwischen Pilsen und Barcelona respektlos zur Begrüßung. Was heißen sollte: „Schön, dass du da bist. Aber halte dich bitte zurück!“

Denn Lionel Messi bereitet nichts als Probleme. Entweder er seziert Barcas Gegner mit Tempo-Dribblings und Doppelpässen messischarf. Oder er spaltet eine Elf allein schon wegen seines Trikots. Wie Pilsen.

Schon vor dem Hinspiel in Barcelona bekundete Václav Pilař seinen natürlichen Anspruch auf den Dress, weil er in Tschechien ja als Mini-Messi gilt. Bekommen hat das Trikot jedoch Milan Petržela, weil er sich bereits in der Halbzeit mit dem Messionar für höchste Fußball-Kultur ins Benehmen gesetzt hatte. Im Gegenzug für den Tausch versprach der Pilsner Angreifer, im Rückspiel eine 100-prozentige Chance allein vor dem Barca-Torhüter liegen zu lassen. Was er auch verlässlich erfüllte.

In dieser Partie sorgte der Superstar des FC Barcelona für größte Unordnung im Pilsner Strafraum und machte damit seinem Namen alle Ehre. Mehrfach ging er dabei durch die Abwehrkette des tschechischen Meisters wie ein Messi durch die Butter.

Wegen der Trikot-Affäre stand der Mannschaftsgeist bei Viktoria Pilsen tagelang auf Messis Schneide. Doch Leo selbst löste die Spannungen. Nachdem er seine Mession bereits in der ersten Hälfte mit zwei Toren erfüllt hatte, gab er Pilař sein Trikot gleich mit dem Pausenpfiff. Und nachdem mit seinem dritten Tor kurz vor Ende die Messi endgültig gelesen war, beglückte er auch noch Pilsens Verteidiger František Rajtoral mit einem Shirt.

Damit kehrte endlich wieder Ruhe in den Reihen der Westböhmen ein. Ewiger Dank sei dem Messias.

Als sich Maradona im November 2001 aus Neapel verabschiedete, sollen selbst Journalisten auf Stühlen gestanden und „Maradooooo, Maradooooo“ intoniert haben. Auch Messis Auftritt in Prag zehn Jahre später führt zu einem Hype selbst unter erfahrenen Reporterkollegen.

Und nicht nur unter seinen ständigen Begleitern, den spanischen Radio-Kommentatoren, die auch dieses Spiel live in die Heimat übertragen und wieder einmal so laut in ihre Mikrofone brüllen, dass sich tschechische Kollegen auf den Presseplätzen mehrfach erschrocken nach ihnen umdrehen. Vor allem nach den Toren von Messi. „Gooool, Gol, Gol, Gol, Goooooooool. Messiiiiiiiiii!“

„Einfach nur schön“, schwärmt neben mir ein Kollege von der „Bild“-Zeitung, der extra aus Dresden angereist ist. „So schön!“ wiederholt er. Und weist nachdrücklich darauf hin, dass sich seine Bewunderung nicht nur auf die Torabschlüsse von Messi bezieht, sondern auch darauf, wie er das Spiel von Barca aufzieht und prägt.

Ohne (echte) Worte

In der sogenannten Mixed Zone warten Berichterstatter nach Abpfiff auf Aussagen der Spieler. Sie liegt im „Bauch“ des Eden-Stadions, unweit der parkenden Mannschaftsbusse. Messi ist dort wie immer, also eher wortkarg. Mit den üblichen Phrasen, „dankbar für den Sieg, ein gutes Spiel von uns“ undsoweiter.

Trotzdem wirkt ein tschechischer Kollege geradezu beglückt darüber, dass er nun „zwei Minuten Messi“ auf seinem Tonband gespeichert hat. Er klingt beinahe so, als habe er einen Sechser im Lotto.

Zu dem Zeitpunkt hat Barca-Trainer Pep Guardiola oben im Presseraum des Stadions bereits seine Spieltag-Konferenz begonnen. Fragen von Journalisten zu Messis (erneuter) Glanzvorstellung beantwortet er ebenso einsilbig wie lapidar. Auf Spanisch, Englisch und Katalanisch.

Guardiola streicht sich kaum durch den Bart, knetet auch nicht nachdenklich sein Gesicht, wie so oft bei Interviews und Pressekonferenzen. Was soll er schon sagen zur Leistung seiner Elf – und zu Messi? Schließlich hat wieder jeder gesehen, welch Genius dieser Argentinier ist.

Lieber schreibt Guardiola seiner tschechischen Übersetzerin am Ende nicht nur ein Autogramm in ihr Heft, sondern auch ein paar persönliche Zeilen: „Danke für Ihre Hilfe“. Das erzählt sie mir, als ich sie vier Jahre später während der U21- EM in Tschechien erneut treffe.

„Killer“ Messi

„Zabiják MESSI“, überschreibt das tschechische Fachblatt „Sport“ am nächsten Tag seinen Spielbericht: „Killer Messi“. Am Ende dieser Saison 2011/12, in der Barca in Prag gegen Viktoria Pilsen antritt, wird er unfassbare 50 Tore allein in der spanischen Liga für seinen Klub erzielt haben!

Gerade in dem Moment, als Lionel Messi den Platz betrat, klingelte mein Handy. Meine Frau teilte mir mit, dass meine Großmutter in Deutschland verstorben war. Sie wurde genau 100 Jahre alt und war ihr Leben lang ein großer Fußball-Fan. Und sie wusste um meine Leidenschaft für Prag.

Dass sie ausgerechnet an dem Tag starb, an dem einer der größten Fußballer aller Zeiten im Eden-Stadion eine große Show auf den Rasen zauberte, hätte sie sicher gefreut.

Alle Fotos: Klaus Hanisch