Biographien. Wohin man schaut. Der Büchermarkt wird überschwemmt mit Memoiren und Erinnerungen. Praktisch kein Künstler, über den nicht schon ein Buch geschrieben wurde. Und Karel Gott steht auch auf dieser Hitliste mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wieder auf Platz eins. Denn selbst sechs Jahre nach seinem Tod erscheinen noch immer neue Bücher über ihn. Oder doch nicht?
Ich kenne Kollegen von Zeitungen, die bis heute darüber klagen, dass ihnen Karel Gott ein Interview versprach – und den verabredeten Termin dann kurzfristig vorverlegte. Oder kurzfristig absagte. Oder überhaupt nicht erschien. Das ist aus heutiger Sicht kein Wunder. Und war es zu Lebzeiten von Karel Gott eigentlich auch nicht.
Denn geschrieben wurde über die tschechische Sängerlegende schon immer. So viel, dass er sich während seiner 80 Lebensjahre vermutlich selbst darüber gewundert hat, was alles über ihn veröffentlichte wurde. Und wer alles über ihn publizierte. Nicht auszuschließen, dass er deshalb Publikationstermine gerne mal platzen ließ.

Erstaunlicherweise wurde bereits Anfang der 1990er Jahre eine Art von literarischer Bestandsaufnahme über Karel Gotts Leben durchgeführt. In einem Interview mit einem tschechischen Journalisten, das viel Zeit gekostet haben muss. Denn es füllte gleich zehn Kapitel. Also ein komplettes Buch. Titel: „Wie Gott es sieht“. Laut Buchdeckel schon damals mit allen Lebenserfahrungen des Künstlers. Also, seinen Erfahrungen bis dahin, Jahr 1992.
Knapp 20 Jahre später wurde in einem tschechischen Buch dann „Karel Gott: Künstlerisches und privates Leben“ unter die Lupe genommen. Der „erfahrene Publizist“ versprach, einen feinfühligen Künstler zu porträtieren, der singt und malt und tiefgründig nachdenke. In dem Werk sollte auch an Ex-Freundinnen und pikante Affären des Sängers erinnert werden. Doch sei es keineswegs mit billiger Boulevardpresse zu vergleichen, wurde im Klappentext versichert.
Dieses Buch könnte dennoch dazu beigetragen haben, dass Karel Gott eingriff. Mit dem Plan, selbst ein Buch über sich zu schreiben. Nämlich eines über all den „Zorn, Neid und bösen Willen“, den er ertragen müsse. Den letzten Impuls dafür gaben ihm Zorn und Neid, die er bei der Verleihung der tschechischen Nationalmedaille erleben musste. So viel, dass der damals 70-Jährige all den Zornigen und Neidern beim Festakt einen „Stinkefinger“ zeigte.
Sein Buch wurde jedoch überflüssig, weil sofort Apologeten die Bühne betraten. Pünktlich zum runden Geburtstag wurde das Werk „Die goldene Stimme aus Prag“ auf den tschechischen Markt geworfen. Geschrieben von Michaela Remešová. Weil sie den berühmten Tschechen angeblich schon seit ihrer Kindheit persönlich kannte. Co-Autor: Dalibor Mácha.

Unverzüglich fragte man sich in diesem Zusammenhang: Wer kannte Karel Gott eigentlich nicht? Mir sind selbst ein Dutzend Leute vertraut, die angeben, dass sie Karel Gott persönlich begegnet sind. Nicht wenige von denen betonen sogar, mit ihm befreundet gewesen zu sein. Und eine Bekannte behauptet felsenfest, dass sie eine Affäre mit Karel Gott hatte. Drüben, in seinem Haus in der Bertramka. Wer ihr dies nicht glaube – vielleicht bloß deshalb, weil sie jetzt im Alter nicht mehr alle Zähne im Mund habe – könne sich auf was gefasst machen.
Zu Recht vermutete der geneigte Leser, dass ein Nachfolgewerk von Michaela Remešová auch zu Karel Gotts 75. Geburtstag auf den tschechischen Markt geworfen wurde. Weil sie seit Jahren in persönlichem Kontakt mit dem legendären Sänger stehen soll. Co-Autor: Roman Schuster. Titel des Teils: „Sänger des Jahrhunderts“. Darin sollte auch einen Blick hinter die Kulissen seines Privatlebens geworfen werden. Vielleicht, weil die Autorin nicht nur in Kontakt mit Karel Gott stand, sondern auch mit dem „erfahrenen Publizisten“?
Da griff Karel Gott ein, noch im gleichen Jahr. Er beschloss, lieber selbst eine Autobiografie auf den deutschen Markt zu werfen: „Zwischen zwei Welten: Mein Leben.“ Ein Buch, das nach Verlagsangaben ein zeitgeschichtliches Dokument darstelle, weil es kein anderer so hätte schreiben können. Auch nicht Michaela Remešová. Nicht einmal gemeinsam mit Dalibor Mácha. Oder mit Roman Schuster.

Diese Memoiren forderten heraus. Zunächst die Kritik. Sie empfand das Werk als reichlich selbstgefällig und empfahl es daher nur den ganz hartgesottenen Fans. So zumindest Deutschlandfunk Kultur.
Und dann die Autoren Michaela Remešová und Roman Schuster, die schon ein Jahr später in Tschechien ein Buch mit dem Titel „Legende Karel Gott“ auf den Markt warfen. Laut Klappe die bislang umfassendste Biografie über den erfolgreichsten tschechischen Sänger. Sicher, weil Remešová glaubte, besser über Karel Gott schreiben zu können als Karel Gott selbst.
Nicht viel später tauchte wieder der „erfahrene Publizist“ im Lesesaal auf. Mit seinem Standardwerk „Karel Gott: Künstlerisches und privates Leben“ (weiterhin schwarzes Cover). Das Buch wollte weiter an die vielen Freundinnen und pikanten Affären des Sängers erinnern. Aber definitiv nicht mit billigen Boulevardzeitungen verglichen werden. Über den Autor selbst wurde angemerkt, dass sein Werk neben einer Sammlung über Schauspieler der Ersten Republik auch Berichte über Skandale und Erfolge von Prominenten umfasse.
Anfang Oktober 2019 mobilisierte der Tod von Karel Gott endgültig alle literarischen Kräfte seines Heimatlandes. Natürlich warf auch Michaela Remešová ein Buch auf den tschechischen Markt. Schließlich wird ihr nachgesagt, seit vielen Jahren eng mit Karel Gott zusammen zu arbeiten. Und von Roman Schuster. Titel diesmal: „1939-2019: Karel Gott blieb sich selbst treu“.
Glaubt man Lesern, blieben vor allem die Autoren sich selbst treu. Und zwar in Lobeshymnen, Verehrung und Anbetung für ihren Protagonisten. Zudem sei das Werk laut Lesegemeinde – Vorsicht: no jokes with names – hastig „zusammengeschustert“ worden, noch bevor die Blumen auf dem Grab von Karel Gott verwelkt waren.
Auch der „erfahrene Publizist“ fand sich umgehend im Lesesaal ein. Mit seinem Standardwerk „Karel Gott: Künstlerisches und privates Leben“ (jetzt blaues Cover). In dem Buch sollten auch Einblicke in sein Privatleben gewährt und an die Freundinnen und Anekdoten des Sängers erinnert werden. Obwohl es keineswegs billiger Boulevard sei, wie der Klappentext betonte.
Aus dem Konvolut an Gottschen Huldigungen ragte augenscheinlich ein Werk heraus. Nämlich „Gott. Eine tschechoslowakische Geschichte“ von Pavel Klusák. Zumindest wurde es als Buch des Jahres 2022 im Literaturwettbewerb Magnesia Litera ausgezeichnet – und sofern man subjektive Preisentscheide als Qualitätsmerkmal akzeptieren will.
Der Autor wollte darin die Geschichte eines Mannes erzählen, der vielleicht als erster in der Tschechoslowakei verstanden habe, wie man Ruhm erlangt. Diese Absicht dürfte Michaela Remešová überhaupt nicht gefallen haben, weil sie ja für dessen Ruhm publizistisch zuständig war.

Nachdem all die Buchausgaben und Bildbände über den „Sinatra des Ostens“ den Büchermarkt regelrecht explodieren ließen, griff Karel Gott noch einmal ein. Sogar nach seinem Tod. Knapp zwei Jahre später erschien seine nächste Autobiographie: „Mein Weg zum Glück“.
Wie es hieß, wollte er seine außergewöhnliche Lebensgeschichte selbst Revue passieren lassen. Und dabei auch offen über sein Privatleben, seine Töchter, seine Ehe und andere Dinge sprechen, die aus verschiedenen Gründen im Dunkeln lagen. Das dürfte dem „erfahrenen Publizisten“ überhaupt nicht gefallen haben.
Zudem hatte Karel Gott die Rechnung ohne deutsche Wirte gemacht. Wie zum Beispiel den FlipFlop-Verlag. Er warf im September 2025 ein Buch auf den deutschen Markt, das einen hoffnungsfrohen Titel trägt: „Goldene Stimme, ewige Melodien. Komplett in Farbe“. Bei Amazon knapp 18 Euro, bei Ebay gar fast 25 Euro. Lediglich rund 100 Seiten, deshalb wird nur eine kleine Leseprobe angeboten. Sie genügt vollkommen aus, um zu vermuten, dass wohl Wikipedia beim Text der Pate war.
Geschrieben von einem gewissen Elias Hofmann. Er qualifizierte sich für dieses Buch als Autor durch seine zuvor erschienenen Werke über „Traumberuf Profi-Stripper: Der Karriere-Ratgeber für ältere Herren“ und „Das perfekte Buch für Hula-Hoop-Fans“. Allesamt käuflich zu erwerben bei Amazon.
Zudem ist er ein Vielschreiber. Denn gleichzeitig mit der Biografie über Karel Gott wurde auch sein „Inoffizielles Kochbuch für Fans von Roblox: Gamepass Gourmet. 40 Rezepte für jedes Kochlevel“ veröffentlicht. September 2025.
Nun weiß man nicht, was der gewisse Elias Hofmann an Resonanz erfahren hat. Seinem FlipFlop-Haus fliegt sie für andere Veröffentlichungen jedoch regelrecht um die Ohren. Ein „bizarres Buch über Brandenburg voller Unsinn“ habe dieser Verlag veröffentlicht, wie die Märkische Allgemeine kritisierte. „Schrott über Preuben Münster“ hatte das PreußenJournal, das sich dem Klub Preußen Münster verbunden fühlt, schon auf dem Buchcover entdeckt.
„Eigenartige Kurztexte, irritierende Bilder“, fand auch die Schweizer Konsumentenzeitschrift Saldo bei FlipFlop-Büchern. Sie schob nach, dass es sich dabei um einen „der größten Verlage“ handelt, die „nicht Menschen, sondern Computerprogramme ganze Bücher schreiben“ lassen – ohne dies aber ausdrücklich anzugeben.
A propos KI. Hier griff noch einmal Karel Gott ein. Genauer: Nicht er selbst, sondern seine Stimme. Aber nicht die oft zitierte „goldene“, vielmehr eine computergesteuerte Stimme. Dank künstlicher Intelligenz las die tschechoslowakische Legende nach ihrem Tod aus der eigenen Biografie „Mein Weg zum Glück“ von 2021. Und dank des tschechischen Rundfunks, der das Projekt „Gott navždy“ (Gott für immer) auf den Weg brachte.
Für den Radio-und Fernsehsender SRF ist es zwar ein „Mammutprojekt“. Die Schweizer befällt dabei aber auch erhebliches Magengrummeln, weil es für sie „ein Vorhaben mit technischen und ethischen Stolpersteinen“ darstellt.

Schon 1968 schrieb Karel Gott für sein tschechisches Publikum seine ersten Memoiren. Titel: „Ich sage es mit einem Lied“. Allem Anschein nach hat er den ganzen Schlamassel vorausgeahnt, der später mit all den Büchern um seine Person und sein Leben entstehen wird.
Vielleicht sollte man bei diesem Buch aus den goldenen 60ern nachschlagen, um dem Chaos rund um den „Bücher-Gott“ zu entgehen. Und dann am besten den Rat befolgen, den der „Sänger-Gott“ selbst auf seinem Buchtitel gibt: Einfach seine Lieder hören!