Rückenschmerzen plagen Menschen über alle Ländergrenzen hinweg. Der tschechische Neurologe Václav Vojta entwickelte schon vor vielen Jahren eine wirksame Therapie für Haltungs- und Bewegungsstörungen. Doch viele Erkrankte kennen seine Methode noch immer nicht. Und einige Orthopäden wie Physiotherapeuten unterschätzen sie nach wie vor. Deshalb macht es Sinn, den Beitrag in der „Prager Zeitung“ vom 28. September 2006 über Vojtas Lehre erneut zu publizieren.
Manchmal kommt der Schmerz sofort, zuweilen erst über Nacht. Und er zwickt so stark im Rücken, dass die Folgen im Bein und selbst noch bis hinunter in den Fuß zu spüren sind. An mancher Stelle gar als Taubheitsgefühl, das wochenlang anhalten kann – typische Signale für einen Bandscheibenvorfall.
Glücklich trotzdem, wer solch eine klare Diagnose erhält. Denn Rückenschmerzen sind schon seit langem ein Volksleiden. Schätzungen zufolge bekommen allein in Deutschland mindestens 80 Prozent aller Bürger im Laufe ihres Lebens Probleme mit dem Kreuz, jeden Zehnten quälen akute Beschwerden dauerhaft. Nicht immer ist die Ursache dafür klar heraus zu finden.
Schwache Muskulatur
Ganz oft löst eine zu schwache Rückenmuskulatur die Schmerzen aus. Dabei haben die meisten Menschen keine Probleme mit den großen Muskeln, den sogenannten Bewegern. Vielmehr sind bei ihnen die kleinen Muskeln kraftlos. Doch gerade sie wirken stabilisierend und können dauerhaft die größeren Muskeln entlasten. Daher treten Bandscheibenvorfälle durchaus sogar bei Bodybuildern öfters auf.
Eine der wirkungsvollsten Therapien für kräftigere Muskeln hat der tschechische Neurologe Professor Václav Vojta entwickelt. „Dabei werden, einfach ausgedrückt, jene Mini-Muskeln wieder aktiviert, die als Kleinkind gebraucht wurden, später aber durch einseitige Belastung verkümmert sind“, erläutert die Therapeutin Christine Lauerbach-Brand.
Aktivieren statt trainieren
Tatsächlich geht es bei der Vojta-Methode um Aktivierung statt um Training. Sie will das Gehirn anregen, angeborene und gespeicherte Bewegungsmuster wieder zu beleben – und diese werden anschließend als koordinierte Bewegungen in die Rumpf- und Gliedmaßenmuskulatur übertragen. Denn diese elementaren Muster werden bei Schädigungen des Haltungs- und Bewegungsapparates oder auch des zentralen Nervensystems nur eingeschränkt eingesetzt.
Dazu üben Therapeuten bei ihren Patienten in Bauch-, Rücken- oder Seitenlagen einen gezielten Druck auf bestimmte Körperzonen aus. Dieser Reiz führt bei Menschen jeden Alters gleichsam reflexartig und unabhängig vom Willen des Patienten zu Bewegungskomplexen, in denen alle Bausteine der menschlichen Fortbewegung enthalten sind.
„Freischaltung“ blockierter Netzwerke
Durch wiederholtes Auslösen dieser reflexartigen Bewegungen kommt es zur „Freischaltung“ blockierter nervlicher Netzwerke zwischen Gehirn und Rückenmark. Somit werden die im Alltag spontan benötigten und unbewusst eingesetzten Muskelfunktionen – besonders in der Wirbelsäule sowie an den Armen und Beinen – in den angeborenen Bewegungskomplexen aktiviert.
Dadurch verändern sich Haltung und Bewegung positiv. Vojta hat zehn Zonen am Körper sowie an Armen und Beinen definiert. Durch die Kombination verschiedener Zonen und den Wechsel von Druck und Zug werden die Bewegungsmuster neu belebt.
Angeborene Muster
Der tschechische Mediziner entdeckte seine Methode, als er nach einem Behandlungskonzept für hirngeschädigte Kinder suchte. Dabei bemerkte Vojta, dass er bei diesen Kindern durch bestimmte Reize in bestimmten Körperlagen unbewusste und wiederkehrende motorische Reaktionen auslösen konnte.
Vojta stellte fest, dass diese Bewegungsmuster alle Eigenschaften der Fortbewegung beinhalten. Er schloss daraus, dass es sich um angeborene Muster handeln musste und die Störungen auf funktionellen Blockaden innerhalb der Bewegungsentwicklung beruhten. Dies bestätigte sich bei der Behandlung von gesunden Neugeborenen.
Zusammenspiel aller Muskeln
Seine Erkenntnisse führten zu einer ganzheitlichen Behandlung sowie einer Frühdiagnostik von Haltungs- und Bewegungsstörungen. „Vojta stabilisiert den Rücken und aktiviert ganzheitlich das Zusammenspiel aller Muskeln“, erläutert Frauke Mecher von der Arbeitsgemeinschaft Vojta im Zentralverband der Krankengymnasten.
Mit seiner sogenannten Reflexfortbewegung hat Vojta eine Methode entwickelt, die von Geburt an bis ins hohe Alter durchgeführt werden kann. Sie hilft bei zentralen Bewegungsstörungen, neurologischen Behinderungen, verschiedenen Muskelerkrankungen – und eben auch bei orthopädischen Beschwerden.
Seit fast 50 Jahren praktiziert, hat sich diese Reflexfortbewegung nach Vojta weltweit bei Fehlentwicklungen des Gehirns wie auch des Bewegungsapparates bewährt.
Anstrengend, aber nachhaltig
Die Methode wird von vielen Kinderärzten verordnet, während Orthopäden zurückhaltender sind. „Viele kennen sie überhaupt nicht, andere wollen sie nicht kennen“, so Frauke Mecher. Obwohl das Prinzip längst wissenschaftlich untersucht und sein therapeutischer Erfolg anerkannt wurde. Therapeuten müssen dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen und eine zeit- und kostenintensive Fortbildung betreiben.
Die Vojta-Therapie ist anstrengend, aber sehr intensiv und nachhaltig. Rückprobleme bedeuten jedoch oft eine lange Leidenszeit. Die Schmerzen beeinträchtigen die Konzentration bei der Arbeit, lähmen viele Aktivitäten in der Freizeit und rauben Lebensfreude, bei vielen führen sie gar zu Depressionen. Oft kann die Vojta-Methode dann Zuversicht vermitteln – und dabei helfen, einen wieder gesundeten Rücken zu gewinnen.
Zur Person: VÁCLAV VOJTA
Der Mediziner wurde am 12. Juli 1917 in Mokrosuky/Böhmen geboren und studierte ab 1937 Medizin an der Karls-Universität in Prag. Ab 1961 wurde er mit der Leitung der Fakultätspoliklinik für Kinderneurologie in Prag betraut. In diese „fruchtbarste Periode“, so Vojta selbst, fiel im August 1968 der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei.
Václav Vojta emigrierte nach Deutschland und arbeitete zunächst an der Orthopädischen Universitätsklinik Köln, um seine Studien und Untersuchungen weiterzuführen. Im Frühjahr 1975 wechselte er an das Kinderzentrum München und wurde dort Leiter der Rehabilitationsabteilung.
Nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei habilitierte sich Dr. Vojta zum Professor für Kinderneurologie und Rehabilitation an der Karls-Universität in Prag, wo man ihn 25 Jahre zuvor als „politisch unzuverlässige Person“ noch abgelehnt hatte.
Ende 1995 trat er in den Ruhestand, wirkte aber weiter in München als Wissenschaftler, Arzt und Lehrer. Dort starb er auch am 12. September 2000. Professor Vojta hat im Laufe seiner Arbeiten über 100 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und zwei umfangreiche Monographien zu seinem Arbeitsgebiet vorgelegt. Der Neurologe bildete selbst ein Team von Ärzten und Physiotherapeuten aus, das die „Methode Vojta“ an Mediziner und Therapeuten weitergab. Allein in Deutschland entstanden Dutzende von Arbeitskreisen und eine gemeinnützige „Internationale Vojta-Gesellschaft“.
Vojta erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen, so den Heine-Preis als wichtigste Ehrung in der Orthopädie. Er war Träger des Bundesverdienstkreuzes. Das Collegium Catholicum Medicinae in Seoul / Korea ernannte ihn 1994 zum Honorarprofessor.
Seit 1992 hielt er wieder regelmäßig Vorlesungen an „seiner“ neurologischen Fakultät der Karls-Universität in Prag, wo ihm 1996 eine Ernennung zum außerordentlichen Professor für Neurologie und Kinderneurologie überreicht wurde. In seiner Heimat wurde Professor Vojta zudem im Oktober 2000 posthum der tschechische Verdienstorden durch Präsident Havel verliehen.
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