Rainer Maria Rilke wollte nicht, dass seine Verse vertont werden. Wie Franz Kafka nicht wollte, dass seine Texte erhalten bleiben. Max Brod bewahrte sie trotzdem auf – und damit einen Teil der Weltliteratur. Und Rilke? Musste einfach vertont werden. Meint der Pianist und Musikprofessor Alexander Fleischer. Weshalb er Kompositionen über Rilkes Versen einen breiten Raum in seinem „Festival Lied“ einräumt, das der gebürtige Dresdner vom 17. bis 29. März in Würzburg veranstaltet. Ein Gespräch zum großen Prager Rilke, bekannten und weniger bekannten Komponisten kurz vor Beginn des Festivals:

Was verbindet Sie persönlich mit Rainer Maria Rilke?

Mich begeistert die Lyrik Rilkes schon seit frühester Kindheit. Meine Deutschlehrerin in Dresden hat mich früh darauf aufmerksam gemacht. Dann bekam ich eine Gesamtausgabe von Rilkes Werken geschenkt und habe sehr viel von ihm gelesen. Er hat mich emotional sehr berührt, vor allem wegen der Rätselhaftigkeit seiner Verse. Man kann darin ja vieles nicht so richtig auflösen. Und seitdem beschäftige ich mich quasi permanent mit seinen Texten. So habe ich mich zwangsläufig auch gefragt, was von Rilke vertont wurde, nachdem ich Klavier und Lied studiert hatte. Mein erstes Konzert, das ich noch als Student organisierte, war gleich ein Rilke-Abend. Damals noch außergewöhnlich, weil noch nicht viele Vertonungen von Rilke bekannt waren und weil man noch nicht mit Hilfe des Internets so viel über ihn recherchieren konnte wie heute.

Welche Erkenntnisse haben Sie damals gewonnen?

Zwar haben sich nicht die ganz großen Komponisten mit ihm beschäftigt, aber man findet trotzdem sehr hochwertige Kompositionen zu ihm. Seine Texte sind nicht wie das romantische Lied, mit Liebe und Tod und so weiter. Sie haben eher philosophische Inhalte, sind ein ständiges Suchen nach Gott, nach dem Zusammenhang und -halt von Dingen. Themen, die auch mich persönlich zeitlebens sehr beschäftigt haben. Man findet das zwar oft auch in Liedern, zum Beispiel von Mahler, aber in den Gedichten von Rilke sind diese Dinge für mich am deutlichsten benannt.

©2020 Martin Walz

Rilke sprach sich immer für eine klare Abgrenzung zwischen Kunstrichtungen aus und wollte keinen Einklang von Musik und Wort. Warum nun gleich drei Programmpunkte zu ihm bei Ihrem Festival?

Ich mache Programme, die mir persönlich am Herzen liegen. Mit dem Festival habe ich die Möglichkeit, stark auf Rilke einzugehen. Gerade jetzt zu den Jubiläen – also seinem Geburtstag Ende letzten Jahres bzw. seinem Todestag in diesem Jahr – lag es nahe, musikalische Werke zu Rilke einem größeren Publikum vorzustellen. Vor allem auch unbekanntere Werke, was ein Schwerpunkt unseres Festivals ist. Solche, die nicht gleich jeder kennt, die aber von der Kompositionsstruktur eine hohe Qualität haben. Diese Qualität war mir wichtig – aber eben auch die Quantität, um Rilke einen gebührenden Platz im Festival einzuräumen.

Schon gar nicht wollte Rilke, dass seine eigenen Gedichte vertont werden. Was macht gerade ihn (bzw. seine Texte) für Komponisten und Interpreten so interessant?

Ich finde interessant, dass sich letztlich sehr viele Komponisten mit ihm beschäftigt haben – und was sie daraus gemacht haben. Sie haben einen klangsprachlichen wie auch philosophischen Zugang zu ihm gefunden. Die Suche nach Sinn, nach Hintergründen, nach der Rolle von Gott und den Engeln, Rilkes eigene „Theologie“. Exemplarisch steht für mich der Liederzyklus „Das Marienleben“ von Paul Hindemith (nach dem gleichnamigen Gedicht-Zyklus von Rilke, Anm.d.Red.). Sprachlich schon ein toller Zyklus von Rilke. Deshalb haben möglicherweise viele Komponisten nicht gewagt, diese Verse von ihm zu vertonen. Oder sie haben sich einfach das Gebot von Rilke zu Herzen genommen.

Warum ist für Sie die Komposition von Hindemith besonders gelungen?

Hindemith hat sogar zwei Fassungen davon gefertigt, weil er Rilkes Sprache den bestmöglichen Raum geben wollte, aber zugleich in seiner Komposition eine eigene Interpretation folgen ließ. Seine Musik klingt kantig, sehr spröde, aber auch objektiv, manchmal neoklassizistisch, mit strengen Formen. Damit passt seine Klangsprache unfassbar gut zu den sehr komplexen und auf den ersten Blick nicht verständlichen Texten von Rilke. Das ist kongenial!

Also war es sinnvoll, sich über Rilkes Vorgabe hinweg zu setzen?

Ja, genau deshalb war es richtig, Rilkes Gebot zu missachten und Verse von ihm doch zu vertonen. Rilke hat seine eigene Vorgabe ja auch selbst aufgebrochen, indem er am Ende seines Lebens drei Gedichte „O Lacrimosa“ an Ernst Krenek zur Vertonung gab. Er kannte die Musik von Krenek und verstand sich gut mit ihm. Rilke hatte ja viele Beziehungen zu Komponisten, Briefwechsel und freundschaftliche Kontakte. Leider konnte er Kreneks Arbeit nicht mehr hören. Aber ich kann Rilkes Vorgabe schon verstehen: Eigentlich sind seine Texte allein schon Musik!

Sie gestalten selbst zwei Programmpunkte des Festivals am Klavier, gemeinsam mit Sopranistinnen: „Dir zur Feier“ und „Das Marienleben“. Was machen vertonte Rilke-Verse für Sie als Pianist so spannend?

Rilkes Sprache wirkt natürlich schon allein für sich, mit all ihren Stilmitteln und kunstvollen Reimen und unerwarteten Wendungen. Sie bekommt aber durch die Musik einen sinnlichen Aspekt. Und ich glaube, dies ergibt einen Mehrwert – für den Hörer, aber auch für uns Musiker, wenn sie sich diese Stücke erarbeiten. Einfach deshalb, weil wir in die Klangwelt von Inhalt und Sprache und in die Interpretation der Komponisten eindringen. Die Gedichte von Rilke, die ich selbst spiele, sind mir dadurch noch näher gekommen. Allein schon deshalb, weil ich neben der Interpretation des Komponisten noch meine eigene als Pianist anfüge.

Rilke bezeichnete sich selbst als „unmusikalisch“ und nannte in Briefwechseln sein Gehör in Bezug auf Musik als „ungeschickt“. Aber seine frühen Tagebücher zeigen, dass ihn Musik als Kunstform dennoch beschäftigte, ihm gar ein Gefühl der Geborgenheit gab. Waren seine Aussagen zur Musik daher Understatement?

Ja, er wehrte sich dagegen, dass er vertont wurde. Und ja, die Musik spielte für ihn gleichwohl eine wichtige Rolle. Er hatte Briefkontakte zu Musikern, hatte auch eine längere Beziehung mit einer Pianistin, die ihn überall mitgenommen hat, zum Beispiel in Paris in die Oper. Das hat ihm schon gefallen. Eine Aussage von ihm lautete ja, dass Musik ihn in den Bann zieht. Ich vermute, wegen dieser Sinnlichkeit von Musik, die ihm möglicherweise eine Beschränktheit in seinen eigenen Gedanken aufzeigte. Ich bin überzeugt davon, dass er auch deshalb nicht vertont werden wollte.

Das klingt nun beinahe so, als ob er Musik als Konkurrenz für die Literatur empfand.

Rilke zog sich völlig zurück, wenn er arbeitete. Nicht nur auf dieses Schloss in der Schweiz an seinem Lebensende, sondern auch anderswo. Er schloss sich oft ein, suchte die Einsamkeit und wollte allein sein. Da durfte ihn auch kein Klang stören. Schon gar nicht hätte er ihn inspiriert. Rilke wollte, dass seine Werke aus ihm selbst heraus entstehen – und klingen.

©2020 Martin Walz

Rilke spielte selbst kein Instrument und bei seinem Eingeständnis von mangelnder praktischer musikalischer Erfahrung und Kenntnis verwunderte es Experten nicht, dass er traditionelle und tonale Musik am meisten liebte. Mit einer klaren Melodieführung und einer Vorliebe angeblich für Händel, Bach und Beethoven. Würde er sich auf Ihrem Festival wohlfühlen?

(lacht) Das ist eine sehr schöne Frage. Sicherlich hätte er sich darüber gefreut, dass man sich so stark mit seinen Texten auseinandersetzt und Begeisterung dafür empfindet. Ob ihm jede Komposition gefallen hätte, sei mal dahingestellt. Wenn er die Komposition von Krenek noch gehört hätte, oder von Hindemith, hätte er vielleicht mehr Zugang dazu gefunden und diese Musik auch gerne gehört. Leider wurde er ja nicht allzu alt. Allerdings muss ein Künstler – und auch Rilke – damit leben (können), dass er sein Werk in die Welt gibt und dann von Interpreten etwas daraus gemacht wird. Ich sage mal: Fifty-Fifty, dass er sich bei unserem Festival wohlgefühlt hätte.

Sie legen Rilke auch in die Hände von Studierenden der Musikhochschule Karlsruhe, und zwar im Programmpunkt „Rilke pur“. Was genau soll das sein, Rilke pur?

Das ist, klar, zum einen ein Werbetitel. Und inhaltlich eine Sammlung von Komponisten – wie Alban Berg, Alma Mahler und andere -, die sich mit Rilkes Texten befasst haben. Nicht unbedingt die erste Reihe von Komponisten, bis auf Berg vielleicht, die aber hervorragende Arbeiten und Lieder geschaffen haben, wunderbar spätromantisch.

In seinem späteren Werk schrieb Rilke das Gedicht „An die Musik“. Ein abstraktes Gedicht, bei dem die Musik selbst Thema ist. Hat sich seine Einstellung zur Musik am Lebensende geändert, ist er gleichsam „altersmilde“ geworden?

Ich glaube: Ja. Sonst hätte er sein eigenes Gebot nicht übertreten und den kleinen Gedicht-Zyklus auch nicht an Krenek gegeben, in dem er inhaltlich schon ein bisschen Abschied vom Leben nahm. Er hat sich sogar extra für eine Vertonung weitergegeben. Sein relativ früh entstandener Cornet wurde ja x-mal vertont, als Melodram und auch gesungen, und das mochte Rilke überhaupt nicht. Eine Zeitlang wollte er ja nicht einmal, dass seine Werke von anderen (vor)gelesen werden, sondern immer nur selbst gelesen werden müssen.

Seinen letzten großen Gedichtzyklus nannte Rilke „Sonette an Orpheus“, gewidmet einem Dichter-Sänger, womit er nach Expertenmeinung an die alte Einheit von Lyrik und Musik erinnere.

Bezüglich dieser Orpheus-Sonette haben wir im Programm „Rilke pur“ einen ganzen Zyklus von Volker David Kirchner. Unfassbar gelungen. Da spielt neben Klavier und Bariton auch ein Horn eine wichtige Rolle – und das hätte Rilke ganz sicher gefallen. Das Horn als ein archaisches Instrument, das seine Textzeilen wunderbar in Klang umsetzt. Speziell durch das Horn hätte er die Klanglichkeit seiner Sprache doppelt und dreifach umgesetzt erleben können.

©2020 Martin Walz

Es fällt auf, dass Sie Künstler aus Lettland, Finnland, Russland im Programm haben – aber keine aus Tschechien. Hätte sich nicht gerade Rilke dafür angeboten oder gibt’s dafür keine geeigneten Künstler von dort?

Auch eine interessante Frage. Es ist einfach Zufall, weil ich bisher nicht mit tschechischen Sängerinnen und Sängern zusammengearbeitet habe, obwohl es ja viele gute gibt. Trotzdem hat das Festival in diesem Jahr einen tschechischen Schwerpunkt. Vor allem natürlich wegen dem Prager Rainer Maria Rilke. Und zusätzlich, weil in „Rilke pur“ auch das Werk eines tschechischen Komponisten zu hören ist: Peter Eben, der sehr früh schon Rilke-Texte vertont hat. Ein Jugendwerk, feine Miniaturen, toll gelungen. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt zu diesem tschechischen Schwerpunkt.

Welcher ist das?

Es gibt einen Konzertabend zu Ehren von Viktor Ullmann. Ein Komponist, der von den Nazis verfolgt wurde. Er war ein fantastischer Liedkomponist und hat auch eine Oper „Der Kaiser von Atlantis“ in Haft in Theresienstadt komponiert. Nun hat ein Duo ein Programm rund um seine Lebensgeschichte aufgebaut. Darin werden Kompositionen von ihm vorgestellt, aber auch von Komponisten, die ihn geprägt haben. Wie Schönberg oder Mahler. Ullmann ist leider viel zu wenig bekannt, obwohl er hochwertige Arbeiten hinterlassen hat.

Zur Person: ALEXANDER FLEISCHER

Der Pianist war bereits Gast bei zahlreichen internationalen Festivals und Konzerthäusern, zum Beispiel in der Wigmore-Hall London, Teatro de la Zarzuela Madrid und Tongyeong Music Festival (Südkorea), und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Er arbeitet mit Sängern wie Bo Skovhus oder Johannes Martin Kränzle zusammen, einem bekannten Wagner-Interpreten. Fleischer studierte an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin Klavier und Liedgestaltung und war dort zehn Jahre lang künstlerischer Assistent des berühmten Sängers Thomas Quasthoff. Wichtige künstlerische Impulse gaben ihm auch Dietrich Fischer-Dieskau und Christa Ludwig.

Im Jahr 2020 gründete Fleischer das „Festival Lied“ in Würzburg. Rundfunk-Aufnahmen ergänzen seine Tätigkeit als Lied-Pianist und Kammermusiker. Zudem gab er Meisterkurse beim Britten-Pears-Festival in Aldeburgh sowie in Brüssel. Zwischen 2015 und 2024 unterrichte er als Dozent an der Hochschule für Musik in Würzburg und als Professor für Liedgestaltung an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen. Im letzten Jahr wurde Alexander Fleischer als Professor für Liedgestaltung an die Hochschule für Musik in Karlsruhe berufen.