Goldene Worte sprach Martina Sáblíková schon nach Olympia in Turin vor 20 Jahren. „Ich will nie mehr nur Vierte werden!“, schwor sie sich nach ihrem 5.000 Meter-Lauf. Konsequenterweise häufte Tschechiens Eisschnelllauf-Ikone danach drei Olympiasiege und etliche Weltmeistertitel an. Doch andere erleben bei Olympia gerade erneut: Der vierte Platz ist des Sportlers erster Tod. Deshalb unser dringender Appell an das IOC: Nehmt endlich diese Platzierung aus dem olympischen Programm.
Auch Markéta Davidová, die tschechische Vorzeige-Biathletin, hat unter vierten Rängen gelitten: Schon bei der Junioren-WM 2016 im Sprint, bei der WM 2020 in der Staffel, bei der Sommer-WM 2022 im Supersprint. Zwar sammelte sie bei Weltmeisterschaften auch volle Medaillensätze – bei Olympia jedoch nur die Erfahrung mit einem vierten Platz 2022. Zumindest bisher.
Wer unter Tschechiens Sport-Enthusiasten erinnert sich nicht an das Drama bei Olympia in Paris vor zwei Jahren, als Jakub Vadlejch seinen Speer 88,50 Meter weit schleuderte und damit Bronze verfehlte. Vierter – wegen vier Zentimetern zu wenig.
Der Sportschütze David Kostelecký verlor bei Olympia in Rio 2016 im Trap-Wettbewerb den Kampf um Bronze, weil der Brite Ling einfach keine Rücksicht auf die Verdienste des Tschechen als Olympiasieger von 2008 nehmen wollte.
Leute, Majestätsbeleidigung!
Selbst die Größten der Großen kommen an Platz 4 nicht vorbei. In der Abfahrt der Herren wurde Marco Odermatt vor ein paar Tagen Vierter. Seit Jahren dominiert der Olympiasieger und mehrfache Weltmeister den alpinen Ski-Zirkus nach Belieben, gewann alle Gesamtweltcups seit 2022 – und muss jetzt mit dieser Blechmedaille von den Olympischen Spielen nach Hause fahren. Leute, so geht das nicht!
Wenige Tage später lag Odermatt mit seinem Schweizer Partner Loic Meillard im Team-Wettbewerb eine Zeitlang wieder auf dem vierten Platz. Weshalb der Kommentator unverzüglich die „böse 4“ ins Rennen einführte. Zum Glück patzten noch welche – ehrenhalber -, damit Odermatt neben den zeitgleichen Österreichern zumindest eine geteilte Silbermedaille erhielt.
Ebenso US-Superstar Mikaela Shiffrin. Die beste Slalomfahrerin der Welt hatte bei der Kombination der Frauen Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson an ihrer Seite – und musste sich am Ende mit dem vierten Rang zufriedengeben.
Shiffrin: Mehr als 100. Weltcupsiege, zweifache Olympiasiegerin, achtfache Weltmeisterin – da ist Platz 4 glatte Majestätsbeleidigung! Man setzt ja auch keinen Ministerpräsidenten in die vierte Reihe, wenn er zu einer Veranstaltung eingeladen wurde. Oder einen Wirtschaftsboss.
Leid ein Leben lang
Wie furchtbar Platz 4 für einen Sportler ist, erläuterte dieser Tage ZDF-Skiexperte Marco Büchel sehr anschaulich. „Ich hätte jede Farbe genommen, egal welche“, antwortete der Liechtensteiner, nachdem der Kommentator neben ihm eine anscheinend nicht heilende Wunde aufriss.
Ein Leben lang besonders bitter für Büchel: Platz 4 in der Abfahrt bei der WM 2009 in Val d’Isère. Ein Leben lang eine besondere Freude für ihn: Platz 3 in der Abfahrt in Wengen – weil er exakt eine Hundertstelsekunde vor dem Vierten das Ziel erreichte.
Wobei Marco Büchel seine Karriere freilich mit einem gewaltigen Nachteil begann: Er wurde schon an einem 4. geboren, nämlich einem 4. November. Da war Ärger vorprogrammiert. Weshalb das Liechtensteiner Volksblatt auch bald nach Beginn seiner Ski-Laufbahn im März 1995 tröstend berichtete, dass Büchel „ausgezeichneter 4.“ wurde.
Bei Olympia häufen sich nun weitere Fehl-Entscheidungen. Beispiel Verena Hofer, Einsitzer Rodlerinnen. Nach ihrer letzten Fahrt jubelte im Ziel ganz Italien – am Ende wurde sie Vierte. „Einer muss schließlich Vierter werden“, konstatierten die deutschen Skispringer mit Sauerbittermiene nach dem Mixed Team-Wettbewerb. Nein, muss nicht – wenn’s diesen Platz endlich nicht mehr gäbe!
Mutter aller vierten Plätze
Die Mutter aller vierten Plätze ist fraglos Cornelia Hütter aus Österreich. Sie wurde Vierte bei: WM 2015 Super-G, WM 2023 Abfahrt, WM 2025 Abfahrt, Gesamtweltcup 2015 Super-G und 2016 Super-G sowie 2018 in der Abfahrt. Auch bei der Olympia-Abfahrt vor wenigen Tagen in Italien kam die Skirennläuferin auf diesem Platz ein. Er darf nicht ihr Stammplatz bleiben!
Wenn sich bei einem großen Event ein knapper Einlauf abzeichnete, wünschte man in der Vergangenheit jedem, dass er auf Platz 5 ankommt. Oder auf sechs – nur auf keinen Fall als Vierter.
Also keinesfalls den „Arschloch“-Platz, wie er in Zusammenhang mit dem vierten Platz von Angelina Köhler im 100-Meter-Schmetterling-Finale bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris genannt wurde. Ihre Tränen am Beckenrand sind unvergessen, ihr Traum von einer Medaille ging damals zudem gegen eine des Dopings verdächtige Chinesin baden.
Köhler forderte deshalb später, dass auch vierte Plätze im Leistungssport mehr gewürdigt werden sollten. Was sich erledigt hat, sobald dieser Platz überhaupt nicht mehr diskutiert werden muss.
Petition in Planung
Dieses Drama um Köhler gab im Sommer 2024 den letzten Anstoß dafür, dass ich eine „Petition zur Abschaffung des vierten Platzes“ aufsetzte.

Ich wollte sie Thomas Bach zukommen lassen, den ich 2005 in seiner Heimatstadt Tauberbischofsheim traf. Bei einer Festveranstaltung seines Fechtclubs, über die ich für das Fernsehen berichtete. Damals war er noch nicht IOC-Präsident, aber schon ein aussichtsreicher Kandidat für dieses Amt.
In meinem Text erinnerte ich ihn nachdrücklich an die Tränen von Paris. Und an die Aussagen von Athleten in Paris, dass sie keinesfalls Blech wollen. Beziehungsweise die Holzmedaille, wie der vierte Rang unter ihresgleichen gerne bezeichnet wird. Dies zeige, „wie mental fordernd“ diese Platzierung sei, unterstrich ich nachdrücklich.
Bach möge daher unbedingt an das Wohl der Sportler denken. Weg mit Platz 4, forderte ich, schließlich würden Hotels ja aus gutem Grund oft auch keine Zimmer mit der Nummer 13 vergeben – okay, zwar keine 4, aber trotzdem eine Unglückszahl.
Genügend Beispiele
In Flugzeugen fehle ebenfalls oft Reihe 13, gaben Unterstützer zu bedenken, die mir plötzlich zur Seite sprangen, nachdem sie von meinem Vorhaben gehört hatten. Ergänzend wünschten sie, dass Spiele oder Duelle um Bronze, also Platz 3 oder 4, künftig zu unterbleiben hätten. „Nimm das noch in deinen Text auf“, wurde kategorisch von mir verlangt.
Gemeinsam schlugen wir vor: „Zweimal Bronze!“ Oder gleich direkt Platz 5. Diese Regelung wollten wir jedoch Thomas Bach überlassen. „Ich hoffe, Sie stimmen unserer argumentativ mehrfach untermauerten Meinung zu und treffen die notwendigen Entscheidungen. Herzliche Grüße“ – so wollte ich mein Schreiben beenden.
Dummerweise entschloss sich Thomas Bach kurze Zeit später, nicht weiter IOC-Präsident bleiben zu wollen. Weshalb unsere Petition im Schubfach blieb. Als seine letzte Amtshandlung hätte er Blechplatz 4 abschaffen können. Damit wäre er fraglos in die Geschichte von Olympia eingegangen.
So besteht der 4. Platz bis heute weiter. Kommt ein Sportler nun bei Olympia in Norditalien ausgerechnet auf diesem Platz ein, drückt mich immer ein schlechtes Gewissen. Ich hätte das Schreiben schon Jahre vorher an Thomas Bach schicken müssen.
Foto: Fechtclub Tauberbischofsheim November 2005