Auch an Emil Zátopek wird erinnert. Diesen unvergleichlichen Läufer, der bei den Olympischen Spielen in Helsinki auf den Langstrecken drei Goldmedaillen sammelte und damit zu einem Helden für die Tschechoslowakei wurde. Das Magazin „Anno“, gerade für das Jahr 2025 erschienen, nimmt Zátopeks 25. Todestag im letzten November zum Anlass, um die „Lokomotive“ noch einmal zu würdigen.  

Den ruppigen Vergleich zu diesem Schienenfahrzeug provozierte Emil Zátopek durch seine unbändige Ausdauer und seinen unverwechselbaren Laufstil. Damit gewann er bei Olympia 1952 über 5.000 Meter und 10.000 Meter wie auch über die Marathondistanz.

Ich bin ihm im Jahr 1988 begegnet, noch während der kommunistischen Ära in seiner Heimat. Zátopek begleitete einen 1.700 Kilometer langen Freundschaftslauf zwischen den Partnerstädten Košice und Wuppertal, über den ich berichtete. Damals nicht alltäglich, denn zwischen Ost und West tobte noch der Kalte Krieg.

Dieser Lauf fand jedoch prominente Befürworter, nämlich die Außenminister beider Staaten, weil er gutnachbarschaftliche Beziehungen und ein friedliches Nebeneinander fördern sollte. Wohl deshalb folgten ihm auch mehr als 50 Begleiter, darunter ein Generalsekretär der Gesellschaft für Internationale Beziehungen aus Prag.  

Als Ehrengäste dabei: Emil Zátopek und seine Frau Dana, 1952 ebenfalls Olympiasiegerin im Speerwurf. Ihr Ruhm war auch mehr als drei Jahrzehnten nach ihren sportlichen Erfolgen nicht verblasst. Ich lernte beide jedoch als umgängliche und bescheidene Menschen kennen. Sie stellten nicht sich in den Vordergrund, sondern die Idee, die sie unterstützten.

Dies bestätigt und widerlegt „Anno“ zugleich. Und zwar mit der Behauptung, dass Zátopek ein „Sendungsbewusstsein zeitlebens fremd“ gewesen sei. Richtig, weil der Tscheche tatsächlich nicht viel Aufheben um seine Person machte. Falsch, weil er die Idee dieses Freundschaftslaufs so wertvoll fand, dass er dafür sehr wohl „Sendungsbewusstsein“ entwickelte und sich uneigennützig in dessen Dienst stellte.

Laufender Arbeiter

Reminiszenzen an Emil Zátopek, nach Meinung des „Anno“-Autors ein „Arbeiter als Läufer, der Laufen als Arbeit“ verstand, sind immer sinnvoll und erfreulich. In Zusammenhang mit „Anno“ könnten sie jedoch erstaunen. Denn diese Publikation versteht sich als „Magazin der Medienjubiläen“. Vermutlich wurde vorausgesetzt, dass Medien über ein so bedeutsames Ereignis wie den 25. Todestag des tschechischen Jahrhundertläufers einfach berichten (müssen).  

Und das ist tatsächlich der Kern von „Anno“: Das Magazin beschränkt sich nicht auf die bunte Medienwelt allein, wie andere Medienmagazine. Für seinen Inhalt geben vielmehr ganz allgemein Jubiläen den Ausschlag. Also Themen und Menschen, die schon wegen ihrer Prominenz und ihres Rufs ein Thema für Medien sind oder sein könnten. Zudem dann natürlich noch mehr und erst recht wegen eines Jubiläums – meint „Anno“.

Erinnerung an Smetanas Meisterwerk

Entscheidend ist der Rückblick. Wobei „Anno 25“, anders als seine Vorgänger, erstmals Jubiläen nicht im Jubiläumsjahr beleuchtet, sondern erst im Nachhinein. Etwa die Uraufführung von Bedřich Smetanas Meisterwerk „Die Moldau“, die schon am 4. April 1875 stattfand.

Ebenso werden in der neuesten Ausgabe politische Ereignisse wie der Unabhängigkeitskrieg in den USA (Jubiläum: Erste Schlachten 1775) und die „Transición“ in Spanien erklärt, also der Übergang von der Diktatur in die Demokratie (seit 1975). Oder Politiker wie Margaret Thatcher, die frühere britische Premierministerin, zu Lebzeiten fürwahr keine Freundin von Medien (Jubiläum: 100. Geburtstag).

„Anno“ ist und war immer „eine Zeitreise in 25-Jahres-Schritten in die Vergangenheit“, wie Markus Behmer als Verantwortlicher des Magazins erläutert. Manches Jubiläum entlockt ein Schmunzeln. Wie die alten Stühle, die vor 75 Jahren Schulbänke ersetzten. Oder Klosterfrau Wilhelmine Martin, auf die das Heilmittel „Melissengeist“ zurückgeht (Jubiläum: Geburtstag der Nonne 1775).

Wo außen Medien steht, sind innen jedoch oft genug auch reine Medien(themen) und Berichte zu finden. So über das erste Hörspiel im Radio, das vor 100 Jahren ausgestrahlt wurde. Oder darüber, dass 1650 in Leipzig eine Tageszeitung erstmals täglich erschien.

Fürwahr ein heißes Thema für Medien war die Jahrtausendwende. Aus meiner eigenen Arbeit erinnere ich mich daran, dass Fernsehanstalten damals Kamerateams in Bereitschaft hielten, um ausführlich über den allseits befürchteten Ausfall von Computern um Mitternacht und seine Folgen zu berichten – was freilich größtenteils ausblieb.

Legendäre Namen

Medienmenschen, die in „Anno“ behandelt werden, sind nicht selten Legenden. Wie Franca Magnani, die erste weibliche Auslandskorrespondentin der ARD. An den Privatkrieg der bekannt linksgesinnten Magnani mit ihrem Vorgesetzte, dem konservativen BR-Chefredakteur Wolf Feller, denken heute möglicherweise nicht nur Experten mit einem Lächeln zurück.

Nicht viele wissen dagegen noch, dass der immer etwas spröde wirkende Claus-Hinrich Casdorff sowohl in Gestapo-Haft wie in russischer Kriegsgefangenschaft saß. Was noch weniger vergessen werden sollte ist seine wichtige Rolle, die Casdorff innerhalb der ARD und speziell für deren Polit-Magazine spielte (Jubiläum von Magnani wie Casdorff: 100. Geburtstag).

Manchmal spiegelt „Anno 25“ auch regelrechte Medienspektakel wider. Ganz vorne in diesem Ranking: Der TV-Streit von Alice Schwarzer und Esther Vilar über Feminismus im Februar 1975. Mit Blick auf den True Crime-Hype heutzutage sehr spannend: Der Text über den Umgang von Medien mit dem Serientäter Fritz Haarmann, der 1925 hingerichtet wurde.

Appelle ans Gedächtnis

In Summe rufen die Beiträge auf mehr als 200 Seiten vieles ins Gedächtnis zurück, das nicht vergessen werden sollte. Oder an was man sich gerne noch einmal erinnern will. Keine gute Nachricht ist dagegen, dass die Gestalter mit „Anno 25“ ihren Abschied ankündigen.

Elf Nummern hat eine Mannschaft um Professor Markus Behmer am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Bamberg seit 2013 produziert. Schuld am Aus ist definitiv nicht die Qualität der Beiträge. Nicht einmal wirtschaftliche Aspekte, die derzeit oft für das Ende von Medien sorgen. Sondern Altersgründe (des Verantwortlichen).

Es wäre „Anno“ sehr zu wünschen, dass sich jemand findet, der Behmers Idee und damit das Magazin weiterträgt. Darauf hoffen wir völlig eigennützig: „Anno 26“ könnte dann darüber berichten, dass die „Prager Zeitung“ als eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Zeitungen im Ausland im Jahr 1991 gegründet wurde, also vor 35 Jahren.

Und vielleicht könnten wir „Anno 27“ davon überzeugen, dass auch „10 Jahre Prager Zeitung online“ einen Bericht wert ist…